Was machen reiche Leute anders? Soja ist das Lebensmittel der Zukunft
Mai 01

Seit ich immer mehr darüber erfahre, was es mit unserem Essen auf sich hat, d.h. mit den Produkten, die ich in einem Supermarkt kaufen kann, bin ich erschrocken. Ich hatte nicht gewußt, daß das Huhn mit der nach ihm benannten Suppe nichts mehr zu tun hat, daß die Tomatensoße oftmals keine Tomaten enthält, daß Geräuchertes nicht geräuchert ist, daß mir Sägespäne aus dem fernen Australien so nahe sind - und daß die Nahrung für die von uns so geliebten Kleinen für diese höchst gefährlich ist.


Holzminden? Holzminden!
In diesem unserem Lande gibt es eine heimliche Hauptstadt: Holzminden, die europäische Hauptstadt des Geschmacks. In dieser Stadt duftet es mal nach Himbeeren, mal nach Erdbeeren, mal nach Kaugummi; es duftet nach den Emissionen, die von den beiden Aromafabriken ausgestoßen werden, tonnenweise. Die Firmen Dragoco und Haarmann & Reimer gehören zu den zehn größten Riechstoff- und Geschmacksherstellern der Welt. In dieser Funktion arbeiten sie an der „globalen Umwandlung des sinnlichen Empfindens“, wie ich dem Buch „Die Suppe lügt“ von Hans-Ulrich Grimm entnehmen konnte, das ich las, um mein Erschrecken benennen zu können. Überall auf der Welt stellt man sich auf die Chemikalien aus Deutschland um, überall auf der Welt sind die Pülverchen und Säfte für das „moderne Massenmenü“ erhältlich. Was hinter den Mauern der Fabriken geschieht, weiß man nicht genau, denn alles ist geheim. So viel jedoch weiß man:
Dort findet die Emanzipation von der Natur statt, aus australischen Sägespänen wird z.B. Erdbeeraroma hergestellt.
Man nimmt die Sägespäne, Alkohol und Wasser und andere - geheime - Zutaten und kocht das Gebräu. Nun kann man aber nicht sagen, daß auf diese Weise der Erdbeergeschmack - oder etwa der Geschmack nach Himbeere, Schokolade oder Vanille - vorgetäuscht würde; der Europäische Gerichtshof hat eindeutig erklärt, daß die Namen auf den Packungen nichts mit dem Inhalt zu tun haben müssen…(!!!) Die Begründung erfolgte auf sehr verschlungenen Wegen.
Ich kann sie nicht nachvollziehen.
Der Verbraucher wird aufgefordert, das Kleingedruckte auf dem Etikett zu lesen, das die Zutaten angibt. Doch was soll der Verbraucher mit dem Gelesenen anfangen?

Natur ist auch nicht mehr das, was sie mal war
„Natürliches Aroma“ steht auf dem Etikett. Der schlichte Volksmund nennt das, ganz altmodisch, Etikettenschwindel. Für den modernen Menschen, vor allem für den Fachmann, handelt es sich um virtuelle Natur, um künstliche Natürlichkeit.
Tatsächlich sind ja die Sägespäne für das Erdbeeraroma natürlichen Ursprungs, ebenso wie das Rizinusöl, dem ein Pfirsich-Aroma entlockt wird.
Auch Schimmelpilze und Bodenbazillen sind ganz Natur - nur die Zitronensäure, die aus den Ausscheidungen von Kleinstlebewesen gewonnen wird, hat mit der Zitrone nichts mehr zu tun. Auch Enzyme (den Stoffwechsel regulierende Verbindungen, sie fördern die Verdauung)) sind natürlich.
Unnatürlich ist ihr Einsatz in der alltäglichen Lebensmittelproduktion, der nur mit High-Tech-Methoden möglich ist.
Und schon 1992 stand im Ernährungsbericht der deutschen Bundesregierung, daß ein Drittel aller Lebensmittel mit Hilfe von Enzymen und Mikroorganismen hergestellt wird. Sie erschließen verborgene Aromaquellen!
- Das Enzympräparat „Rohalase“ z.B. hält das Marzipan weich!
- „Corolase“ macht das Fleisch zart (ganz abgesehen davon, daß es auch noch bei der Papierherstellung brauchbar ist)!
- Alltäglich ist auch der Einsatz von Enzymen bei der Weinherstellung.
- Die dänische Firma Novo Nordisk, Weltmarktführer in der Branche: Wasch- und Lebensmittel mit Enzymen, verkündet, daß der Gebrauch dieser Nützlinge so nützlich sei wie die Natur selbst.

Die Industrie nennt ihre Geschmacks- und Aromastoffe gerne „naturidentisch“. Was aber ist das genau?

„Naturidentisch“ dürfen künstliche Mixturen genannt werden, wenn irgendeine der in ihnen enthaltenen Substanzen schon einmal irgendwo gesichtet wurde; vielleicht in einem Misthaufen, in einem Felsbrocken, in einem kleinen Lebewesen

Die Mixturen werden im Labor geboren. (In Dieter Hildebrandts „Scheibenwischer“ fragte kürzlich der Kabarettist Matthias Richling verzweifelt-komisch: „Wo ist meine Wurst geboren“. Das ist bitterernst.)
In der Fabrik werden sie vervielfältigt; sie sind vollsynthetisch und bringen unzählige Geschmäcker und Geschmacksvarianten hervor, je nach Bedarf. Z.B. das „Fruchtig-Karamelige“ oder das „Röstig-Karamelige“.

In den Vereinigten Staaten werden die Industrie-Aromen auf den Etiketten als solche ausgewiesen.
In Deutschland nennen sie sich schlicht und einfach „Aroma“

Wir, die Verbraucher, können davon ausgehen, daß mit dem Produkt etwas nicht stimmt, wenn „Aroma“ auf dem Etikett steht. Möglicherweise werden Früchte vorgetäuscht, die in dem Produkt gar nicht enthalten sind, möglicherweise wurde ein übler Beigeschmack überdeckt, der durch die industrielle Produktion entstanden ist. Aromastoffe werden auch noch (zusätzlich) verwendet, wenn das Produkt tatsächlich ein natürliches ist. Weshalb? Weil es sonst „wie eingeschlafene Füße schmeckt“! - meinte ein Verkaufsleiter der Deutsch-Schweizerischen Früchteverarbeitung.


Der Geschmack als Botschafter
Geschmack war für mich immer etwas ganz Persönliches, Subjektives, natürlich auch geprägt von dem, was man kennengelernt hat - es gibt ja so etwas wie einen „Familiengeschmack“, ich esse den Eintopf am liebsten so wie meine Mutter ihn gekocht hat und so koche ich ihn auch. Inzwischen habe ich gelernt, daß Geschmack nicht nur Geschmackssache ist, sondern eine Botschaft. Er signalisiert dem Körper, wie die Speisen beschaffen sind, die im Magen ankommen werden; er kontrolliert sozusagen die Nahrung. Durch jahrtausendelange Übung im Umgang mit Nahrungsmitteln aus der ihn umgebenden Natur hat der Körper ein Steuerungssystem entwickelt, mit dem er auf die Speisen reagiert, die ihm zugeführt werden. Verdorbenes Fleisch, alles Verschimmelte oder Verfaulte schmeckt ekelhaft und meistens stinkt es auch. Geschmack und Geruch sind Warnsignale, die überlebensnotwendig sein können, deshalb gehören diese beiden Sinne zu den frühesten des Menschen. Schon das Baby kann wesentliche Geschmacksbotschaften unterscheiden und der Körper weiß sie zu deuten.
- Das Süße signalisiert eine schnell zu verwertende Energiequelle
- Das Bittere warnt vor Gefährlichem, vielleicht Vergiftetem
- Das Salzige macht auf Mineralien aufmerksam und bewahrt vor einem „Zuviel“
- Das Saure deutet auf Gesundes, auf Vitamin C, hin
Damit wir stets diese Wahrnehmungen wahr-nehmen können, werden unsere Geschmackszellen ständig „renoviert“, der Körper ersetzt von sich aus die Hälfte der wichtigen Sensoren.

Der Botschafter wird hintergangen
Doch was nutzt die Emsigkeit des Körpers, wenn der Geschmack kein verläßlicher Bote mehr sein kann? Wenn kein Huhn in der Hühnersuppe ist, obwohl der Mensch und sein Körper ganz auf Huhn eingestellt sind?
Der Urahn aller Feinschmecker, Jean Anthelme Brillat-Savarin hat eine solche Situation sehr genau beschrieben:
Im „Gedächtnis steigen Dinge wieder auf, die einst der Zunge geschmeichelt - die Phantasie glaubt, sie vor sich zu sehen: es ist ein Zustand, traumartig. Dies ist nicht ohne Reiz, und wir haben tausend Eingeweihte in der Freude ihres Herzens rufen hören: `Welche Lust an gutem Appetite - wenn man eines glänzenden Mahles in Kürze gewiß ist! Indessen regt es sich überall in der Nährmaschine: der Magen wird empfindlich, die Magensäfte scharf, die inneren Gase ziehen hörbar umher, der Mund füllt sich mit Speichel, und die Verdauungskräfte stehen alle unterm Gewehr, wie Soldaten, die nur noch den Befehl zum Sturm erwarten.“

Dann aber kommt das Aroma, mit dem der Körper nichts anfangen kann. Das Hirn war alarmiert, die Verdauungsdrüsen wurden aktiviert, das ganze System hatte sich auf Huhn eingestellt, jetzt läuft es leer. Der Körper ist betrogen worden, es herrscht ein physiologischer Mangelzustand, also wird weitergegessen, um den Mangel zu beheben.

Der Geschmack hat den Körper irritiert.
Er sollte - so will es die Industrie - ein schönes Lebensgefühl vermitteln und hat statt dessen Komplikationen im Verdauungstrakt geschaffen. Die Aromen oder Geschmacksverstärker haben den Körper womöglich auch überlistet: er hätte den einen oder anderen Happen nicht gewollt, wenn er gewußt hätte, wie er wirklich schmeckt, blechern vielleicht.

Micky Maus und Asterix
Kinder wissen eigentlich, was ihnen guttut, instinktiv wählen sie das Richtige für sich aus. Automatisch gleichen sie eigene körperliche Mangelerscheinungen aus (ein Kind mit zu wenig Magensäure ißt gern Saures) und sie entwickeln früh, was ich schon einmal den „Familiengeschmack“ nannte - das heißt auch: werden sie schon frühzeitig mit Fertigprodukten ernährt, die synthetisches Vanillin enthalten, so werden sie eine Vorliebe dafür entwickeln. In den Konzernen weiß man das.
Also versucht man, die Kleinen so früh wie möglich mit den konzerneigenen Produkten zu beglücken, mit Hilfe bunter Bilder und Märchen- und Comicfiguren.

Die Folgen können unabsehbar und furchtbar sein

Zum Beispiel: Allergien
Der zweijährige Junge lutschte einen Bonbon, sein Gesicht und seine Lippen schwollen an, der Hals wurde rot, er bekam Schluckbeschwerden und Atemnot. Allergietests ergaben, daß Hyfoama schuld an seinem Zustand war, ein geschmacksneutrales Pflanzenprotein-Pulver, eine Form von verwandeltem Weizen, auch vorhanden in Nougat, Gummibärchen, Schokoriegeln, also in vielem, was Kinder so mögen.
Wozu? Ich weiß es nicht.
Im US-Staat Baltimore starben sechs Schulkinder an einem allergischen Schock. Hamburger, Sandwiches und Süßigkeiten waren die Todesursache. Sie enthielten „versteckte Zutaten“, Spuren von Erdnüssen, Nüssen und Eiern, Stoffe, gegen die alle diese Kinder allergisch waren, die man aber nicht ausgewiesen hatte.
Ich könnte noch unzählige Beispiele anführen.
Sie alle besagen: Ganz abgesehen davon, daß oft überhaupt nicht einzusehen ist, warum was in den Lebensmitteln ist, werden die Zutaten auch nicht hinreichend gekennzeichnet. Der Verbraucher ist schutzlos den Lebensmittelprodukten ausgeliefert, und vor allem die Kinder sind es.

Eigner Herd ist Goldes wert
Es gibt Kinder, die glauben inzwischen, daß die Fische als Stäbchen im Meer umherschwimmen und es sind die Eltern, die sie zu diesem Glauben verleiten. Trotz 35-Stunden-Woche haben sie häufig keine Zeit zum Kochen. Die Familie ernährt sich weitgehend aus Tüten und Dosen, taut die vorgefertigte Tiefkühlkost auf, oder man läßt mal schnell was vom Italiener kommen.
Auch die Lebensmittel, die man zum Selberkochen braucht, sind nicht frei von Schadstoffen.
Doch gemessen an den Produkten, die man kauft, ohne zu wissen, was sie enthalten, sind sie der Grundstoff für gesunde Ernährung.
Sie sind es vor allem dann, wenn sie aus artgerechter Tierhaltung und aus biologischem Anbau stammen.

Ich kaufe selbst auch nicht alles im Bio-Laden, aber die Möhren putze ich selbst.
Ich will den Geschmack einer einfachen Möhre nicht verlieren und mag er noch so unaufregend sein: Eine Möhre ist eben eine Möhre und das ist, scheint mir, der springende Punkt: Der Geschmack der natürlichen Produkte wird vergessen oder erst gar nicht kennengelernt.
Weitaus schwieriger dürfte es sein, das Geschmacksempfinden eines Kindes - und auch das eines Erwachsenen - wieder zu sensibilisieren, wenn die Geschmacksnerven längst manipuliert sind. Die mit Aromen durchsetzten Produkte sind oftmals zehnmal so geschmacksintensiv wie die natürlichen, aber sie haben den Ablauf unserer natürlichen Körperfunktionen gestört.

Ich kaufe einen einfachen Naturjoghurt. In den Joghurt schnippele ich ein paar Erdbeeren, gesüßt wird mit Birnendicksaft; so ist ein Fruchtjoghurt eben ein echter Fruchtjoghurt.
Wir sind längst abhängig von den manipulierten Produkten.
Die Entwöhnung kostet ein wenig mehr Zeit und vielleicht ein wenig mehr Geld, doch wir wissen wieder, wie eine Frucht schmeckt - und wir leben auch gesünder, wenn wir uns der Abhängigkeit von Vorgefertigtem verweigern und uns von der Werbung nicht blenden lassen.

Artikel: Bioline Magazin


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