Trennkost-Märchen für Erwachsene Angst vor Verabredung
Aug 20

Gebannt saßen die Menschen vor ihren Fernsehern und sahen machtlos zu, wie zwei Flugzeuge in die New Yorker Twin-Towers rasten, sahen riesige Feuerwolken und Menschen, die aus den Fenstern der Türme sprangen. Sie wirbelten durch die Luft, wie Blätter im Wind. Schließlich stürzten die Türme ein, Tausende wurden unter den Trümmern begraben.
Was sich am 11. September 2001 vor den Augen der Menschen in aller Welt ereignete, war ungeheuerlich und sprengte alle Dimensionen: größtes Entsetzen gleichzeitig auf dem ganzen Globus.
Waren die Zuschauer in diesen Augenblicken in der Lage, Mitleid zu empfinden, dieses eher leise und intime Gefühl – in einer Schocksituation?
Oder ist es gerade das Ungeheuerliche, das unsere abgestumpften Gemüter bewegt?


Wie weit reicht in der globalisierten Welt unsere Fähigkeit zum Mitleiden?

Täglich erreichen uns Schreckensnachrichten aus aller Welt, wir werden von Worten und Bildern überschwemmt, die uns vor Mitleid zerfließen lassen müssten.
Aber mit der Zeit stumpfen wir ab. 50 Tote, 500, 5000, 50000 Tote: wirklich bedeutend sind die Zahlen nicht, obgleich sie so viel bedeuten.
Vor dem Fernseher sitzend, schlürfen wir unseren Tee oder knabbern Erdnüsse, egal, über wie viele Tote gerade berichtet wird, vielleicht halten wir für einen Augenblick inne, hören mit dem Kauen auf; dann schlucken wir die Nachricht und die Nüsse herunter.
Dennoch sollten wir uns deshalb nicht für gefühllose, monströse Ausgeburten des Fernsehzeitalters halten.

Im Jahre 1755 bebte in Lissabon die Erde, schätzungsweise 10 bis 15000 Menschen starben bei dieser Naturkatastrophe. Die ersten Katastrophenmeldungen erreichten Paris und London nach vierzehn (!) Tagen.
Die Menschen waren erschüttert; sie meinten, nun nicht mehr guten Gewissens ihren Tagesgeschäften nachgehen zu können, und für eine gewisse Zeit mögen Entsetzen und Mitleid das alltägliche Leben beeinträchtigt haben, aber auch nur für eine gewisse Zeit.

Nachdem er von dem Erdbeben erfahren hatte, rief der französische Philosoph Voltaire aus: „Seit diesem Unglück wage ich es nicht mehr, über meine Koliken zu jammern.“

Später stellte er nur noch lapidar fest: „Lissabon liegt in Trümmern und in Paris wird getanzt.“
Voltaires Ausspruch wurde zur immer wieder abgewandelten Formel für die Unzulänglichkeit unseres Mitgefühls, vor allem für die Zweifel an seiner Reichweite.

Mitleid empfinden wir am ehesten mit einem Unglück, das in unserer Nähe geschieht.
Mit allen Krebskranken dieser Welt haben wir ein abstraktes Mitleid.
Das Leiden eines krebskranken Angehörigen, eines Freundes oder Nachbarn berührt uns unmittelbar, es ist für uns sinnlich erfahrbar. Wir wollen helfen, Trost spenden, ganz konkret.
Aber es ist nicht die Nähe allein, die unser Mitleid hervorruft: Eine Anekdote erzählt von dem Philosophen, der in seinem Zimmer sitzt und über Wohl und Wehe der Menschheit ernsthaft nachdenkt, sich aber die Ohren zuhält, um die Schreie eines Unglücklichen unter seinem Fenster nicht zu hören. Sie stören ihn bei seinen Überlegungen. Diesem Mann fehlt etwas ganz Entscheidendes: Einfühlungsvermögen.

Wahrscheinlich können wir uns nur wirklich einfühlen in ein Leiden oder Unglück, das wir selber schon einmal erlebt haben

Wenn mir jemand von seinem Liebeskummer erzählt, kann ich mit ihm fühlen, ich kann jemandem beistehen, der einen Verwandten oder Freund verloren hat, denn ich habe das alles selbst erlebt und empfunden.
Ein unheilbar erkrankter Mensch hingegen macht mich hilflos, bei allem Willen, mich in ihn einzufühlen – es wird mir nicht gelingen. Ich kann mir nur annähernd vorstellen, wie ihm zumute ist.
Das Mitleid, das ich mit ihm habe, ist auch geprägt von der Angst davor, selber unheilbar zu erkranken. Ich will es mir vielleicht nicht eingestehen, aber dieser Mensch ist mir ein wenig unheimlich geworden.


Nach einem Abendessen mit zwei Freundinnen begann ich, über Mitleid zu reden. Carla sagte gleich, sie glaube nicht an wirkliches Mitleid, alle Menschen seien ja doch nur Egoisten und würden nur an sich selbst denken. Wenn einer sagt „es tut mir leid“ oder „du tust mir leid“, so ist das einfach nur so eine dahergesagte Floskel, mit der man den Unglücklichen nur abwimmeln will. Ich entgegnete ihr, Mitleid sei sicher ein zwiespältiges Gefühl, aber der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau beispielsweise meinte, der Mensch hätte einen natürlichen Widerwillen dagegen, andere Menschen, überhaupt jegliche Kreatur leiden zu sehen, das Gefühl des Mitleids gehöre zur menschlichen Natur.

Allerdings sei der Impuls zum Mitleid in der zivilisierten Welt abgeschwächt worden, in unserer Gesellschaft sei wenig Platz für Mitleidsgefühle

Unsere Zivilisation, warf Jutta ein, basiert doch auf Werten wie Nächstenliebe und Mitleid. All die karitativen Einrichtungen, das Rote Kreuz wurde gegründet aus Mitleid, aus dem Bedürfnis heraus, helfen zu wollen. Die Menschen sind spendenfreudig: Aktion Sorgenkind, Aidshilfe …
„Ja, Aidshilfe mit Aidsgala“, kam von Carla. „Da wollen alle doch nur gesehen werden, wir sind eben Egoisten. Die Spenden können wir von der Steuer absetzen, und außerdem können wir uns noch als Gutmenschen fühlen, reinste Selbstbeweihräucherung, die eigene Mutter bringen wir ins Hospital. Außerdem halten die Leute ihre Sentimentalität für Mitleid. Überlegt doch mal, all die Talkshows.“
Jutta wurde kleinlaut: „Na ja, stimmt schon. Contergankinder werden vorgeführt, Überlebende von Terroranschlägen, sie sollen ganz genau erzählen, wie es war. Die Zuschauer sind sentimental, voyeuristisch, Mitleid ist das nicht, und die Medien bedienen ihre Quote.“

Ich wollte das letzte Wort haben: „Ganz so ist es ja nicht“, sagte ich. „Die Medienmacher wissen, dass die anschauliche, detaillierte Schilderung eines Unglücks mitleidige Gefühle wecken kann.“

In Filmen und Romanen sind es übrigens immer Einzelschicksale, die uns anrühren

Mitleid kann vielleicht erlernt werden, aber nicht durch abstrakte Gebote, sondern durch konkrete Vermittlung. Stellt euch vor, alle wären offen für ihre Umgebung, einfach vorhanden …

„Allem Anschein nach verdampft das Gefühl der Menschlichkeit und wird schwächer, indem es sich über die Erde ausdehnt, und es ist uns nicht gegeben, von den Unglücksfällen bei den Tataren oder in Japan ebenso berührt zu werden wie von dem, was einem europäischen Volk zustößt.“  Jean Jacques Rousseau

Artikel: Bioline-Magazin (Camille Goldhahn)

Buchtipp: „Nahes und fernes Unglück


Verwandte Beiträge:
  • Das starke Herz
  • Das Pflegen der Opferrolle

  • \\ tags: , , ,

    Kommentar abgeben

    Bitte Einloggen um einen Kommentar abzugeben.