Ich fand mich einfach eklig! Die Thalasso-Therapie
Jun 02

„Lieber zehn Minuten dämlich, als ein ganzes Leben“

Noch immer sind viele Menschen der irrigen Auffassung, daß sie als unwissend gelten, wenn sie etwas nicht (gleich) verstanden haben

Als ich noch im Referendariat war, machte unser Hauptseminarleiter mit uns einmal ein Spiel. Es ging dabei um eine Diskussion, die wir miteinander führen sollten. Wir waren 33 junge Referendare. Wir sollten über ein gegebenes Thema miteinander diskutieren, aber jedesmal, bevor eine oder einer von uns etwas dazu sagen durfte, mußte er erst einmal die Worte seines Vorredners wiederholen. Und nur wenn der Vorredner nickte und damit kennzeichnete, daß er sich verstanden fühlte, durfte der neue Sprecher seinen eigenen Wortbeitrag vortragen.
Das ist ein wunderbares Spiel. Ich habe es später noch oft mit Schulklassen und Gruppen gespielt.
Der wichtigste Faktor bei diesem Diskussionsspiel ist natürlich das Verstehen.

Die wesentliche Entdeckung ist, daß wir meistens nicht verstehen.

Mir selbst passierte es mehrfach bei diesem Spiel, daß ich mir ganz sicher war, die Worte meines Vorredners verstanden und richtig wiedergegeben zu haben, aber mein Vorredner oder meine Vorrednerin schüttelte den Kopf und sagte: „Das habe ich so nicht gemeint.“ Dann mußten er oder sie ihren Beitrag noch einmal mit neuen Worten wiederholen. Nicht selten stellte sich dabei heraus, daß sie das genaue Gegenteil von dem gemeint hatten, wie ich es aufgefaßt hatte.

Viele Menschen mögen es im Gespräch nicht zugeben, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Sie möchten nicht für unintelligent gehalten werden

Dabei setzen sie unbewußt voraus, daß es einzig und allein an ihnen liegt, wenn sie Aussagen nicht begreifen.
Mir wurde damals bei diesem Spiel sehr deutlich, daß sich die Menschen oft so unklar ausdrücken, daß selbst der Klügste nicht erahnen kann, was sie wohl damit meinten.
Einmal fiel mir bei einem Vortrag auf, daß der Redner sich völlig unverständlich und konfus ausdrückte. Es war einfach nicht möglich, ihm zu folgen. Aber keiner der Anwesenden sagte etwas dazu. Alle gingen stillschweigend von der Annahme aus, daß es an ihnen liegt, wenn sie diesen klugen Mann und Redner nicht verstehen.
Ähnlich war es bei einem anderen Vortrag, den ich hörte. Dieser Redner sagte eigentlich überhaupt nichts, das aber mit sehr vielen Worten. Er gab praktisch keine Information über seine Arbeit und seine Vorgehensweise heraus, sondern speiste die Zuhörer mit leeren Phrasen ab.
Nach dem Vortrag unterhielt ich mich noch mit einigen der Zuhörer und alle bekundeten einhellig, daß sie sich überfordert fühlten. „Das war jetzt so viel auf einmal, das muß ich erst mal verarbeiten“, sagte eine Frau.
Sie hatte gar nicht bemerkt, daß der Nebel in ihrem Kopf nicht von zuviel Information herrührte, sondern von zuwenig.

Mein Professor an der Universität sagte einmal: „Die Menschen bemerken ihr eigenes Nichtverstehen nicht.“ Wenn sie es jedoch nicht bemerken, können sie weder etwas dagegen unternehmen, noch sich dagegen wehren

Auch ich habe in meiner Praxis oft bemerkt, daß sich Menschen im Gespräch sehr oft nicht verstehen, ohne aber darauf aufmerksam zu werden.
Wir benutzen Worte, die dem anderen nicht dasselbe bedeuten wie uns selbst. Sogar Worte wie ‚Vater‘ und ‚Mutter‘ haben zwar eine klare Bedeutung, aber zusätzlich zu der rein inhaltlichen Bedeutung schwingen mit ihnen noch all die Erfahrungen mit, die wir mit Mutter und Vater hatten.
Kürzlich sagte mir eine Klientin während einer Sitzung: „Ich würde alles darum geben, wenn ich meine Mutter nur noch ein einziges Mal wiedersehen könnte.“
Man sollte doch meinen, daß dieser Satz einfach und leicht zu verstehen ist, nicht wahr? Auch ich bin zunächst davon ausgegangen, daß diese Klientin ihre Mutter sehr gerne mochte und nun das Bedürfnis hatte, ihr noch die lieben Worte zu sagen, zu denen sie zu deren Lebzeiten nicht mehr gekommen war. Aber das war keineswegs so. Im weiteren Verlaufe der Sitzung stellte sich vielmehr heraus, daß sie ihre Mutter gehaßt hatte und sich dieses Treffen mit ihr nur wünschte, um sie noch einmal mit allen Beschuldigungen und Vorwürfen zu konfrontieren, die in meiner Klientin noch gärten.
Wenn ich nicht nachgefragt hätte, wäre ich von ganz irrigen Voraussetzungen ausgegangen und unser Gespräch hätte einen völlig falschen Verlauf genommen.

So ist das sehr häufig im Gespräch mit Menschen. Der andere sagt einen Satz und in seinem Kopf hat dieser Satz eine bestimmte Bedeutung. Und wir hören den Satz und geben ihm ebenfalls eine Bedeutung nach unserem Verständnis. Ob diese beiden Bedeutungen identisch sind wissen wir nicht, sofern wir nicht nachfragen und uns der genauen Bedeutung vergewissern.

Worte wie ‚Liebe‘, ‚Gott‘, ‚Esoterik‘, ‚Zuhause‘ oder ‚Familie‘ werden von jedem Menschen mit ganz persönlichem Verständnis angefüllt. Wir kennen nur unsere eigene Interpretation solcher Worte. Vielleicht hatten wir ein schönes Zuhause, und dieses Wort bezeichnet für uns etwas Gutes. Es kann aber für unser Gegenüber eine ganz furchtbare Bedeutung haben.
Die Lakota-Indianer sagen beim Rauchen der heiligen Pfeife: „Alle meine Verwandten“. Und ‚Verwandte‘ bezeichnet für sie nicht nur die Menschen, sondern auch alle Tiere, denn sie fühlen sich mit allen lebenden Wesen verwandt. Ich kenne aber eine ganze Menge Leute hierzulande, für die die Vorstellung „all ihren Verwandten“ zu begegnen, Assoziationen auslösen, die sie eher an die Hölle erinnern, denn an etwas Schönes. Wenn wir mit jemandem sprechen, der so ein Wort wie ‚Verwandte‘ benutzt, kann es sein, daß unsere Auffassung von diesen Worten keine Übereinstimmung aufweist mit der seinen.
Oftmals können wir einem Satz auch gar keine Bedeutung geben, weil unser Gegenüber sich absichtlich oder unabsichtlich unklar ausgedrückt hat.

Es gibt auch Menschen, die das Nichtverstehen ihrer Mitmenschen geschickt für ihre Zwecke nutzen

Als ich einmal einen Videorecorder kaufen wollte, versuchte der Verkäufer, mir mit vielen Fach- und Fremdworten ein teureres Gerät aufzuschwatzen. Es fiel mir nicht leicht nachzufragen, weil ich mir nicht so viele Ausdrücke auf einmal merken kann, aber wenigstens bin ich stur. Ich fragte einfach ein Wort nach dem anderen nach. Was bedeutet dieser Knopf? Wozu dient dieses Teil? Was passiert, wenn es fehlt?
Am Ende stellte sich heraus, daß ein billigeres Gerät in dem Laden all die fremdartig klingenden, in Wahrheit aber einfachen Funktionen ebenfalls besaß und für meine Bedürfnisse absolut ausreichte.
Der Verkäufer hatte versucht, die Tatsache für sich zu nutzen, daß ich als Frau mich mit technischen Geräten nicht auskenne.
Das stimmt sogar. Ich kenne mich nicht aus, aber ich stelle Fragen. Und genau das tun die meisten Menschen oft nicht. Sie haben Angst, für dumm gehalten zu werden, wenn sie so viele Fragen stellen und so oft sagen: „Das habe ich nicht verstanden.“ Dabei ist das genaue Gegenteil der Fall. Ich bin zwischenzeitlich eine Meisterin im Fragen stellen, aber noch keiner ist deswegen auf die Idee gekommen, mich für dumm zu halten. Eigentlich wissen wir Menschen das auch, denn wir vermitteln es bereits unseren Kindern:

„Wer? Wie? Was? Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt bleibt dumm!“

Das singen die Kinder zu Beginn jeder Folge der Sesamstraße.
Wir wissen genau, daß der Klügere immer der ist, der die Fragen stellt, aber wir praktizieren es trotzdem nicht, aus Furcht vor der Reaktion unserer Mitmenschen.
Ich kann Ihnen dazu aber ein Geheimnis verraten. Denn eines ist Ihnen wahrscheinlich noch nie aufgefallen:
Wer die Fragen stellt, hat die Macht! Es sind immer die Fragen, die ein Gespräch lenken, leiten und strukturieren.
Achten Sie einmal darauf, wenn Sie die Gelegenheit dazu haben. Derjenige, der die Fragen stellt, lenkt das Gespräch und bestimmt zielsicher die Richtung, in die das Gespräch mündet.
Ist es Ihnen auch schon einmal passiert, daß jemand Ihnen neugierige Fragen stellte und Sie sich plötzlich gedrängt fühlten, mehr zu sagen, als Sie eigentlich wollten?
Vielleicht waren die Fragen auch aggressiver Natur und Sie fühlten sich gezwungen, sich zu rechtfertigen, obwohl Sie eigentlich gar nicht über das Thema sprechen wollten. Vielleicht wurden Ihnen Erklärungen abgenötigt, die Sie eigentlich nicht geben wollten?
Wenn Sie als Lebensberaterin, Kartenlegerin oder Ähnliches arbeiten, können Sie bestimmt ein Lied davon singen, wie Sie am Telefon kostenlose Zusatzsitzungen gaben, weil die Klienten nicht aufhörten zu fragen.
Das ist die Macht der Frage.
Ich will hier nicht dazu raten es ebenso zu machen, denn solche Gesprächspraktiken sind eigentlich eher unhöflich. Aber dennoch können Sie eine solche Macht für sich auf legitime Weise nutzen und sie schon gar nicht denen überlassen, die Sie in unangenehme Rechtfertigungssituationen bringen wollen.
Wenn Sie sich nicht getrauen, Ihre Fragen zu stellen, werden Sie nicht nur keine Antworten bekommen, sondern sicher auch oft erleben, wie das Gespräch, welchem Sie beiwohnen, Sie endlos langweilt.

Mein Tip lautet daher:
Fragen Sie, fragen Sie, fragen Sie.
Wenn das Gespräch langweilig wird, stellen Sie Fragen, die das Thema in interessantere Gefilde lenken. Wenn jemand Sie mit Worten in eine Ecke drängen will, fragen Sie ihn, warum er das tut? Wenn jemand Sie kritisiert, fragen Sie nach der Motivation des anderen dafür? Wenn Sie etwas wissen möchten fragen Sie, und wenn Sie etwas nicht verstanden haben, fragen Sie erst recht. Sie werden erleben, daß die Menschen Ihr Interesse genießen.

Die Menschen werden Sie keineswegs für dumm halten, sondern für sehr intelligent, weil Sie so viel Interesse bekunden

Achten Sie in einem Gespräch nicht so sehr darauf, was Sie verstanden haben, sondern mehr auf das, was Sie nicht verstanden haben. Und diesem Nichtverstehen folgen Sie mit Ihren Fragen. Fragen Sie immer nach dem, was Sie noch nicht verstanden haben. Ihr Gegenüber wird es Ihnen danken und Sie selbst werden erleben, wie interessant ein Gespräch dadurch wird. Aus einem einseitigen Bericht wird dadurch eine lebendige Interaktion. Es sind die Fragen, die dem Gespräch eine Struktur verleihen. Sie können das Gespräch immer in die Richtung lenken, die Sie interessiert und zugleich weg von dem, was sie langweilt.
Ich selbst benutze diesen Trick schon sehr lange. Es ist aber eigentlich mehr als ein bloßer Trick. Es ist eine Umgangsform. Die Gesprächspartner fühlen sich dadurch ernst genommen und in ihren Aussagen respektiert. Wir geben ihnen die Möglichkeit, sich genau zu erklären.

Eine gute Frage ist wie eine Tür, hinter der sich ein neues Universum an Gedanken, Gefühlen und Möglichkeiten auftut

Typisches Beispiel für mißverständliche Auffassungen
Zwei Damen in meinem Seminar erzählten mir, wie ein Mißverständnis ihre Geschäftsfreundschaft beinahe zerstört hätte. Beide sind leitende Angestellte derselben Firma. Eine von ihnen hatte einen aufwendigen Event vorbereitet und abgewickelt. Sie berichtete der anderen davon. Diese sagte: „Das war Mist…!“ Die Worte blieben im Raume stehen. Der Kollegin stockte der Atem. Von der Aussage begleitet, verlebte sie daheim ein schlimmes Wochenende. Bis sie sich entschloß, nachzufragen. Sie griff also zum Telefonhörer und sagte: „Sag mal, was hast Du eigentlich damit gemeint, als Du sagtest…?“ Die andere antwortete verwundert: „Na, es war Mist, daß ich Dir bei der Vorbereitung des Events nicht behilflich sein konnte…!“

Durch Fragen zum interessanten Gesprächspartner
Eine junge Dame war Gast in meinem Seminarhaus. Sie war hübsch anzusehen und hatte eine besonders liebevolle Ausstrahlung. Allerdings sagte sie wenig. Im Laufe der Gruppenarbeit stellte sich heraus, daß sie sich als langweilige Gesprächspartnerin und das von ihr Gesagte als völlig unbedeutend empfindet. So schweige sie lieber. Außerdem spreche sie ohnehin nicht so gerne über sich selbst.
Bei der Analyse ihrer Schwächen und Stärken konnte ich ihr vermitteln, daß ihr Part in Gesprächen zunächst das Zuhören und Nachfragen sei. Nichts lieben die Menschen mehr, als wenn sich jemand ernsthaft für sie interessiert und ihnen bei ihren Ausführungen zuhört.
Bei späteren Sitzungen bestätigte mir meine junge Klientin, daß sie meinen Rat angenommen und umgesetzt habe. Sie hat nun das Gefühl, aktiv an Gesprächen teilzunehmen und sogar deren Richtung mitzubestimmen. Ihre Art, dies zu tun, macht sie jetzt zu einem äußerst beliebten Menschen.

Artikel: Bioline-Magazin (Kim Barkmann)


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