Das Pflegen der Opferrolle Besseres Zeitmanagement
Jun 19

Sentimentalität heißt: sich erlaben an Gefühlen
Wir sind alle sentimental, zeitweilig jedenfalls: wenn wir eine bestimmte Musik hören zum Beispiel, oder wir folgen dem Geschehen in einem Film und versetzen uns in die Personen auf der Leinwand. Wir leiden mit ihnen, sind glücklich mit ihnen – oft am Rande der Tränen oder sogar in Tränen aufgelöst. Was wir sonst noch sind, ist auf der Strecke geblieben. Es gibt uns nur noch als gerührte Seele, als sentimentale Person. Wenn alles vorbei und ausgestanden ist, schrumpfen wir auf das Mittelmaß unserer alltäglichen Empfindungen – und die sind nicht besonders aufregend.


Sie kann weinen …
Manchmal treffe ich Frau S., ihren Erzählungen entnehme ich, dass sie nichts zu tun hat, seit Jahren nicht mehr. 25 Jahre lang hatte sie als Sekretärin gearbeitet, dann wurde sie mit einer Abfindung vorzeitig entlassen, sie war noch nicht einmal 50 Jahre alt. Seitdem verbringt sie ihre Zeit damit, vor dem Fernseher zu hocken, im Sommer den Balkon zu pflegen – und zu telefonieren. Highlights im Ablauf des Jahres sind Weihnachten und Ostern. Sie verbringt diese Tage allein, denn es wäre ein zu großer Aufwand, Gäste zu empfangen – und außerdem kommt auch keiner. Die Freunde, die sie hat, sind „Telefonfreunde“. Aber sie schmückt  an diesen Tagen ihre Wohnung  mit Osterhasen und Weihnachtsengeln; sie macht es sich „schön“, sie duselt sich ein.
Einen wirklich guten Tag hat sie, wenn sie – telefonisch – erfährt, dass jemand krank ist, Krebs sollte es schon sein. Der Schwerkranke ist immer seit Jahrzehnten ein bester Freund. Besuchen wird sie ihn nicht: Einen Kranken sehen und vielleicht noch ein Krankenzimmer wäre ein Einbruch der Realität in das schöne traurig-grausige Gefühl. Zu einer Beerdigung geht sie nicht, auch nicht in der eigenen Stadt, das wäre zu aufwändig. Außerdem kann sie sich am Telefon erzählen lassen, wie es war, wer dort war, was geredet wurde. In ihrer Vorstellung kann sie sich die Beerdigung auch „viel schöner“ und ergreifender ausschmücken als sie vielleicht war, und sie kann weinen.

Hermann Hesse schrieb:
„Denn Sentimentalität ist das sich Erlaben an Gefühlen, die man in der Wirklichkeit nicht ernst genug nimmt, um ihnen irgendein Opfer zu bringen, um sie irgend je zur Tat zu machen.“

Frau S. lebt diese Form der Sentimentalität; Frau S. hat, was irgendjemand einmal eine „verkitschte Seele“ genannt hat. Frau S. ist bedauernswert, einerseits.
Andererseits: Menschen wie Frau S. sind aus auf die großen Gefühle, um sich selbst und die Situation, in der sie leben, zu vergessen oder zumindest zu verschönern. Sie suchen die übertriebenen Empfindungen; sie sind nicht fähig zu differenzierten Regungen oder vermeiden sie. Statt zu fühlen haben sie Gefühl. Die ungeschönte und banale Wirklichkeit wäre ein Störfaktor in ihrem Arrangement.

Die Katze von Frau B. war sterbenskrank; wer sie ansah, konnte das sehen und auch der Tierarzt wusste es. Doch Frau B. ließ das Tier, für eine Nacht und viel Geld, an den Tropf hängen. Ein paar Stunden, nachdem die Katze wieder zuhause war, starb sie. Über die Tierarztpraxis ließ Frau B. ihre Katze nach Holland transportieren, einäschern und als Urne zurückkommen. Nun steht die Urne mit den Resten ihrer (?) Katze auf dem Sideboard.
Frau B. befand sich längere Zeit im Ausnahmezustand. Vieles mag sie heftig gefühlt haben – nur hat sie wohl kaum mit der Katze gefühlt. Tierliebe eignet sich auch ganz besonders für Rührseligkeiten und Überspannungen, denn das Tier kann sich nicht wehren, bietet also keinen Widerstand: der Gefühlsduselei sind keine Grenzen gesetzt.

MIR geht es schlecht
In meinem Haus wohnte ein altes Ehepaar, die Frau war sehr gebrechlich. Wenn man sie sah, dann nur am Arm ihres Mannes.
Eines Tages höre ich ihn durch meine Wohnungstür hindurch weinerlich vor sich hin murmeln: „Mir geht’s so schlecht mit meiner Frau“. MIR. Das ist ja auch sicher richtig, und im ersten Moment fand ich diesen Satz geradezu poetisch, bis mir klar wurde, dass dieser Mann vor Selbstmitleid zerfloss.


Sentimentalität ist eine Form der Verblendung
„Sentimentale Menschen erlauben sich, alles zu verwechseln – Liebe mit Selbstmitleid, Fanatismus mit Bewunderung, Liebe mit Abhängigkeit“, las ich kürzlich. Das bedeutet: Sentimentalität ist  auch eine Form der Verblendung. Wie viele Frauen lassen sich von einem Mann grün und blau schlagen, sagen unter Tränen, wie sehr sie ihn lieben würden und sind doch nur abhängig von ihm, aus welchen Gründen auch immer.
Wie viele Menschen bringen für eine „Sache“ oder eine Person übermäßige Gefühle auf – bis zur Selbstverleugnung. Doch wer bewundert, setzt, was er bewundert, in Beziehung zu sich selbst; er misst sich am Objekt seiner Bewunderung. Sentimentalität ist passiv, der sentimentale Mensch ruht sich aus auf seinen großen Gefühlen.
Sentimentalität wird oft mit Sensibilität verwechselt, mit einer großen Empfänglichkeit für menschliche Regungen und Situationen, mit Einfühlungsvermögen, Verletzlichkeit – mit Empfindsamkeit.
Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Empfindsamkeit, galt es die feinsten Nuancen des Innenlebens abzuhorchen, durch eingehende Selbstanalyse und Beobachtungen seiner selbst und der anderen.
Der Sentimentale beobachtet nicht; seine Gefühle sind immer die gleichen. Zum entsprechenden Anlass stellt sich das Krankheits-, Todes-, oder sonst irgendein Betroffenheitsgefühl ein – ohne Ansehung der Person oder der Umstände.

Sind Frauen sentimentaler als Männer?
Schließlich sind vor allem sie es, die sich in die bunten Blätter vertiefen und ihre Gefühle über Königshäuser und Stars ausschütten. Außerdem verbirgt sich in der Sentimentalität auch ein Hang zum Masochismus. Neigen Frauen eher als Männer dazu, den Schmerz und die Wehmut zu lieben? Ziehen sie sich eher in ihre Gefühlswelt zurück, statt aus Unzufriedenheit beispielsweise in die Aggressivität zu flüchten?

Für Frauen und Männer gilt jedenfalls: „Sentimentalität ist nirgends mehr hinderlich als im wahren Leben“. Das schrieb der Schriftsteller Ben Traven und er meinte damit ein sentimentales Lebensgefühl.
Die „sentimental moments“ sind wichtig für den Gefühlshaushalt, sie „entschlacken“ sozusagen.
Die Tränen im Kino müssen niemandem peinlich sein.

Artikel: Bioline-Magazin (Camilla Goldhahn)


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