Deines Glückes Schmied bist du Trennkost-Märchen für Erwachsene
Jul 31

Schäumen, heulen, kochen, platzen – vor Wut
Der Gesprächspartner am anderen Ende der Telefonleitung legt, schmeißt, knallt den Hörer auf. Ich jedenfalls kann mich nicht damit abfinden, dass die Freundin oder der Freund das Gespräch einfach so abgebrochen hat – vielmehr den Streit. Denn ein Gespräch wird normalerweise nicht so abrupt und unhöflich beendet

Ich koche vor Wut und wähle sofort wieder. Auf der anderen Seite ertönt entweder das Besetztzeichen oder das Freizeichen, aber es wird nicht abgehoben. Meine Hände fangen an zu zittern, mir wird flau im Magen, plötzlich habe ich so etwas wie einen Fieberschub. Um nicht zu platzen vor Wut, hebe ich immer wieder den Hörer ab, drücke die Wiederholungstaste, höre das Besetztzeichen oder – endlos lange – das Freizeichen, drücke die Gabel herunter, lege den Hörer auf, hebe den Hörer wieder ab, drücke die Wiederholungstaste … Meine Bewegungen werden mechanisch.

Besonders vernünftig oder intelligent ist es nicht, was ich da tue, auch nicht besonders witzig

Es ist einfach lächerlich; verständlich vielleicht, aber lächerlich. Und überhaupt: HABE ICH DAS NÖTIG? Indem ich mich das frage, bin ich dabei, wieder zu mir zu kommen; das heißt: ich war außer mir vor Wut. Diesen fast geisteskranken Ausnahmezustand hält wohl niemand allzu lange durch und außerdem habe ich mich durch meine unsinnige Wählerei abreagieren können.


Das Auflegen eines Telefonhörers ist eine besonders perfide Aktion, sie macht ohnmächtig; gegen eine gekappte Verbindung kann man überhaupt nichts ausrichten.

Die Person, gegen die ich meine Wut richten könnte, hat sich einfach ausgeklinkt; sie hat mich im Regen stehen lassen

Ich habe tatsächlich eine ohnmächtige Wut. Das Gefühl der Ohnmacht löst auch in vielen anderen Situationen eine Wut aus. Meist will man es sich nicht eingestehen:

Ich werde wütend aus Hilflosigkeit, und wer mich wütend machen kann, hat Macht über mich

Im günstigsten Fall, wenn ich die Wut nicht „in mich hineinfresse“ bis ich schließlich auf vielleicht dramatische Weise explodiere – wie viel aufgestaute Wut mag sich hinter einem tödlichen Amoklauf verbergen? – kommt es zu einem Machtkampf und zu einer Lösung.

Die „gesunde Wut“
Was ist der „Bock“ des kleinen Kindes anderes als der Versuch, mit einem Wutanfall gegen die Eltern zu rebellieren, die die Macht haben, ihm etwas zu verbieten oder etwas von ihm zu verlangen, das es nicht tun will.
Das kleine Kind ist wirklich verzweifelt, wenn es seine Grenzen erleben muss, es spürt aber auch instinktiv, dass es mit seiner Wut Gebote oder Verbote durchlässig machen kann.
Diese Wut ist eine „gesunde“ Wut.
Das Kind kann erkennen, dass seinem Willen und seinen Erwartungen Grenzen gesetzt sind – dass es aber die Möglichkeit hat, seinen Unmut über die schmerzlichen Begrenzungen auszudrücken, ohne schwer bestraft zu werden – bei einer verständigen Erziehung.
Meine Mutter, so hatte sie mir später erzählt, reagierte oft auf meine kindlichen Wutanfälle mit der Frage: „Dich juckt es wohl, soll ich den Stock holen?“ Das war liebevolle Eingrenzung. Schließlich stand ich eines Tages mit hochrotem Kopf in der Tür und sagte: „Mich juckts, hol den Stock (?!)“. Der Stock wurde nicht geholt. Ernst und Spiel gingen, so sehe ich es, ineinander über.

Die „ungesunde Wut“
Angelika ist wütend auf ihre Nachbarin Marion, ständig und immer wieder hat sie einen anderen Grund für ihre Wut. Ich muss mir von der vor Wut schäumenden Angelika anhören, dass Marion ihre Wohnungsschlüssel in der Wohnung vergessen hat, zum zweiten Mal, und sie wieder wegen des Zweitschlüssels am späten Abend herausklingelte.
Das ist  vielleicht nicht so angenehm, aber musste sie deswegen so wütend werden? Oder: Immer wenn sie von Marion etwas braucht, was selten genug vorkäme, ist Marion nicht da oder hat gerade keine Zeit. Angelika heult fast vor Wut. Schließlich werde auch ich langsam wütend und ich verlange von Angelika, mit mir einmal über den wahren Grund ihrer diversen „Wüte“ zu reden.

Diesen Grund gibt es, wie sich dann herausstellt: Angelika ist neidisch

Marion hat viel zu tun, trifft viele Leute. Angelika ist für sie nur eine Nachbarin, mit der sie sich zwar ganz gut versteht; aber sie ist nur eine unter vielen. Angelika hat ihre Wünsche, die sie sich nicht erfüllen kann, oder die sie sich nicht zu erfüllen traut, auf Marion projiziert und eine immer währende Wut daraus gemacht.
Angelikas Wut ist eine ungesunde Wut und eine überflüssige und vor allem eine falsche, denn sie richtet sich gegen die falsche Person. Angelikas Wut macht mich wütend, wenn ich mir überlege, wie viel berechtigte Wut es gibt auf dieser Welt.


Die Wut im Bauch
Es gibt unendlich viele Anlässe zwischen Paaren, den verheirateten und den unverheirateten, wütend aufeinander zu werden. Mein Partner erfüllt meine Erwartungen nicht, er konfrontiert mich im Alltag immer wieder mit Verhaltensweisen und Gewohnheiten, die nicht zu meinen eigenen, mir lieb und wichtig gewordenen Gewohnheiten passen.
Statt über die Notwendigkeit meiner Gewohnheiten nachzudenken, meine Abhängigkeit von ihnen, mache ich ihn für mein Unbehagen verantwortlich und schäume vor Wut gegen ihn. Oder ich passe mich an und habe immer wieder eine Wut im Bauch, die sich wieder legt, wieder auftaucht, wieder legt …, bis sich eine Möglichkeit für ein einvernehmliches Zusammenleben findet – oder bis nichts mehr geht.

In der modernen Fassung einer griechischen Tragödie sagt Klytämnestra, warum sie ihren Gatten Agamemnon ermordete: sie konnte nicht mehr sehen, wie er beim Trinken den kleinen Finger abspreizte. Ihre immer wieder heruntergeschluckte Wut war grenzenlos geworden, sie umfasste alles und konzentrierte sich schließlich mit aller Wucht auf den kleinen Finger.

Eine ungeheure Wut kann sich in Menschen aufstauen, die in ihren Beziehungen immer wieder etwas tun, was sie nicht tun wollen, aus Angst davor, verlassen zu werden, aus Feigheit, aus mangelndem Selbstvertrauen

Sie lassen ihre Wut am anderen aus, oder kehren sie gegen sich selbst. Auch diese Wut kann gefährlich werden; sie wäre in Grenzen zu halten, wenn sie sich artikulieren könnte. Mit ein wenig Mut könnte man ihr entgehen, dem Mut, sich oder die Situation zu verändern.

Aus Wut kann Hass werden
Den Menschen, die in einem totalitären System leben und unter ihm leiden müssen, kann man schlecht sagen: „Fang erst einmal bei dir selber an!“; meist sind sie nicht schuld an den Verhältnissen, die sie erdulden müssen. Die in die Enge Getriebenen entwickeln eine „politische Wut“, die zusammen mit Fanatismus ungeheure Ausmaße annehmen kann, aber das ist ein weiteres Feld.

Ganz gleich, wie sie leben und wo sie leben, es gibt Menschen, die haben eine Wut auf schlichtweg alles

Durch nichts ist diese existenzielle Wut zu beseitigen, den ständig Wütenden droht sie zu zerstören. Eine Möglichkeit gäbe es für ihn: Er könnte versuchen, sie kreativ zu bewältigen. Überhaupt gehört zur künstlerischen Produktivität oft ein gewisses Maß an Wut, sie ist der „Stachel im Fleisch“, der den Künstler antreibt.

Abgesehen von diesen Ausnahmen, gibt es viele Formen der Wut und viele Anlässe und oft genug wird aus aufgestauter Wut, sei sie berechtigt oder nicht, blanker Hass. Wut ist auch gut, kann „gesund“ sein, wenn sie „herausgelassen“ wird. Dann ist sie eine Form der Selbstbehauptung.

Die Wut kann Verhältnisse und Situationen klären und mich stärken. Wie nach einem Donnerwetter entlädt sich die Spannung, die Schwüle verzieht sich und die Luft wird wieder klar

Im Japanischen Heilströmen und anderen Meridian-Energie-Techniken repräsentiert der Mittelfinger Galle und Leber. Auf diese Organe kann beruhigend und heilend eingewirkt werden, wenn dieser Finger mit der anderen Hand umschlossen wird.
Wenn aber die Galle oder die Leber überläuft, möchte der Besitzer seiner Wut Ausdruck geben und hebt diesen Finger, der deshalb auch „Wutfinger“ genannt wird.

Artikel: Bioline-Magazin (Camilla Goldhahn)


Verwandte Beiträge:
  • Ich platze gleich vor Neid

  • \\ tags: ,

    Kommentar abgeben

    Bitte Einloggen um einen Kommentar abzugeben.