Der Weißdorn (Crataegus oxyacantha) Verteufelt mir die Sonne nicht
Aug 31

Fast täglich bekomme ich Anrufe von Frauen, manchmal auch von Männern, die sich auf die eine oder andere Weise mit ihrer Liebesbeziehung auseinandersetzen. Besonders häufig geht es dabei in letzter Zeit um SMS-Botschaften, die von Handy zu Handy gesandt werden. Offenbar ist das die moderne Form, sich mit seinem Liebsten zu unterhalten. Allerdings erzeugt dieses Medium mehr Mißverständnisse als andere Möglichkeiten der Nachrichtenübermittlung.
Eine Klientin empfing eine SMS- Botschaft von ihrem Freund, die mit den Worten „viel Glück“ unterschrieben war. Daraufhin rief sie mich an, um mich zu fragen, was ich davon hielte. „Will er sich von mir trennen? Ist das seine Art mir zu sagen, daß es vorbei ist? Warum schreibt er nicht viel Spaß, statt viel Glück? Was soll das heißen?“
Natürlich riet ich ihr dazu, einfach anzurufen und ihn zu fragen. Aber das wollte sie auch nicht. „Dann denkt er doch, daß ich ihm nachlaufe.“
Manchmal empfange ich den ganzen Tag solche oder ähnliche Anrufe. Eine Zeit lang dachte ich, daß die Liebe uns alle zu Idioten macht. Ich habe sogar ein sarkastisches kleines Gedicht darüber geschrieben.

Die Liebe und der Tod machen uns alle gleich.
Der Tod macht uns alle zu Toten,
die Liebe macht uns alle zu Idioten.


Aber jetzt habe ich meine Meinung darüber geändert, denn mir ist etwas Wesentliches aufgefallen.
Ich nehme mir immer die Zeit, mit den Menschen über ihren Kummer zu sprechen. Ich stelle ihnen Fragen und höre zu, was sie mir antworten. Einige Damen reagierten daraufhin sehr beharrlich und riefen mich jeden Tag an, um mir den neuesten Stand ihrer Beziehung darzustellen. So erfuhr ich wesentlich mehr, als es in wöchentlichen Sitzungen möglich gewesen wäre.

Und ich bemerkte, daß diese Frauen in einer Entwicklung begriffen waren. Da tat sich etwas.


Der Lehrmeister war die Liebe

  • Eine Klientin beispielweise war anfangs wie ein überdrehtes Kind. Sie hüpfte im Gespräch von Thema zu Thema, konnte an keinem Punkt in die Tiefe gehen und kam, wie man so sagt, vom Hundertsten ins Tausendste.
  • Das jedoch änderte sich nach einiger Zeit und es wurden richtige Gespräche daraus. Mein Eindruck war, daß diese Frau genau durch die Probleme mit der Beziehung zu sich selbst gekommen ist.
  • Eine andere Klientin neigte zu hysterischen Reaktionen. Wenn ich einmal eine kleine, lustige Bemerkung machte, kreischte sie vor Lachen am anderen Ende der Leitung, als wäre das der Witz des Jahres. Aber je länger sie über ihre Beziehung mit mir diskutierte, um so ruhiger und ausgeglichener wurde sie.
  • Eine dritte Klientin hatte Schwierigkeiten mit der Realität. Sie sah die Dinge immer gern so, wie sie sie haben wollte, nicht aber so, wie sie tatsächlich waren. Das erzeugte natürlich Reibung in ihrer Beziehung. Darüber sprachen wir häufig am Telefon, und mit der Zeit wurde die Sichtweise dieser Klientin immer angemessener. Es fiel ihr immer leichter, Paßform mit der Realität zu haben, was natürlich bedeutet, unter viel weniger Schwierigkeiten zu leiden.
  • Bei einer Klientin war es sogar so, daß sie sich so weit von der normalen Realität entfernt hatte, daß man sie in eine Anstalt einwies. Von dort aus rief sie mich häufig an, um mit mir über ihre Liebesbeziehung zu reden, die allerdings hauptsächlich in ihrer Phantasie stattfand. Ich nahm sie trotzdem ernst und sprach mit ihr gewissenhaft über jedes Detail, das sie zur Sprache brachte. Nach einigen Wochen registrierte ich eine zunehmende Normalität bei ihr. Während sie anfangs noch erzählte, er hätte sie in der Nacht besucht (obwohl das gar nicht sein konnte), unterschied sie nun zwischen dem, was wirklich passierte und ihren eigenen Projektionen. Nach ungefähr einem halben Jahr deutete sie auch nicht mehr jedes Ereignis als Zeichen. Irgendwann war sie tatsächlich fähig, mir die Wahrheit zu sagen, nämlich daß er sich bislang in keiner Weise offenbart hatte, es also eigentlich noch keine Beziehung gab. Was für ein Riesenschritt für diese Frau! Und wer war der Lehrmeister? Die Liebe!!!

Durch diese und viele andere Beispiele wurde mir klar, daß die scheinbare Liebesidiotie in Wirklichkeit eine ausgeklügelte Methode des Schicksals ist, uns Menschen weiter zu bringen und zu heilen

Alles das, was ein Menschen bereits gelernt und verstanden hat, das taucht in diesen Gesprächen über den Partner, wie er sich verhalten hat, was er gesagt hat und was er wohl fühlen mag, nicht mehr auf.

Alles das, was wiederholt auftaucht, ist nur noch nicht verstanden worden. Es wird so lange durchdiskutiert und mit allen Freundinnen besprochen, bis auch hier eine Einsicht eingesetzt hat, die alles verändert. Dann ist dieses Thema plötzlich verschwunden und ein neues nimmt seinen Platz ein.

Das Aufgeben der Abhängigkeit
Eine Klientin von mir hat immer wieder Probleme damit erlebt, daß ihr Freund sich mitunter tagelang nicht meldete. Jedesmal befürchtete sie, es sei das Ende ihrer Beziehung. Das führte zu Hunderten von Gedanken, Grübeleien und Überlegungen, die jedesmal mehr oder weniger gleich aussahen. Aber nach etwa einem halben Jahr überraschte sie mich mit der Äußerung, sie hätte erkannt, daß sie in einer Abhängigkeit gewesen sei, die ihr nicht gut tat. Sie wolle nun lernen, ihn nicht mehr zu brauchen, damit sie ihn genießen könne.
Wer Erfahrungen mit Menschen im Liebeskummer hat, der weiß sicherlich auch sehr gut, daß man diese Einsicht niemandem andienen kann. Diesen Satz können wir tausendmal wiederholen und werden auf taube Ohren stoßen, weil es so viel interessanter für die verliebte Person ist, jede Kleinigkeit zu analysieren, die er oder sie gestern gesagt und getan hat.
So eine Einsicht kann man niemandem vermitteln, sie muß von innen kommen. In dem Moment, da Klienten das selbst aussprechen, weiß ich, nun ist es verstanden worden. Jetzt ist man einen riesigen Schritt in der persönlichen Entwicklung weitergekommen. In der Tat ist es keine Liebe, sondern Abhängigkeit, wenn wir es nicht einmal drei Tage ohne den anderen aushalten können. Wir verhalten uns wie Süchtige auf einem unfreiwilligen Entzug. Wenn ein Mensch in dieser Situation erkennt, daß ein Entzug notwenig ist, um wieder heil und gesund zu werden, ist das ein großartiger Schritt.

Und dieser Schritt führt keineswegs zum Ende der Beziehung, eher im Gegenteil. Für den Partner ist es wesentlich einfacher und leichter, wenn der andere nicht süchtig nach ihm ist. So stellt sich tatsächlich eine entspannte Freude beim anderen ein, statt einer verzweifelten Gier nach seiner Nähe.

Anhand vieler Beispiele wurde mir klar, daß Liebe sozusagen die Unterrichtsmethode des Universums ist. Und diese ist einfach genial!

Bedenken wir nur einmal, wie wenig motiviert Menschen normalerweise sind, wenn etwas gelernt werden soll. In der Schule haben wir oft nur vor uns hin gedröhnt und die Stunden „abgerissen“. Wenn unser Chef verlangt, daß wir auf einen Lehrgang über Buchhaltung oder Datenverarbeitung gehen sollen, sind wir ebenfalls in der Regel nicht sehr begeistert.


Vor den meisten Lernanforderungen des Lebens drücken wir uns, wenn wir können.

Aber in die Liebe stürzen wir uns hinein in die Lernprozesse mit wehenden Fahnen. Wir erleben ein Ausmaß an Motivation und Initiative, wie an keinem anderen Punkt unseres Lebens. Plötzlich wird jedes Detail interessant und erwägenswert. Wir wollen es! Wir wollen diese neue Beziehung mit ganzer Seele – und natürlich gibt es auch Probleme. Wir Menschen geben uns zwar gern der Vorstellung hin, daß es in der Liebe keine Probleme mehr geben wird, sobald der richtige Partner auftaucht. Aber im Grunde unseres Herzens wissen wir genau, daß das nicht wahr sein kann.

Probleme in einer Beziehung entstehen immer. Das kommt durch die Zeit der Anpassung

Am Anfang sind wir nur verliebt und fühlen uns einfach wunderbar, aber wenn eine wirkliche Beziehung entsteht, dann sind da ja zwei Willen, die lernen müssen, miteinander auszukommen. Ob es nun die Wohnzimmerlampe ist, die ihr gefällt, ihm aber nicht, oder das Fernsehprogramm, über das man sich nicht einig ist. Es sind zwei Willen zusammen an einem Ort, und sie üben sich darin ein, miteinander auszukommen. Dazu kommen auch noch ein paar Machtspielchen. Manchmal geht es bei unseren Streitereien gar nicht wirklich darum, sich auf etwas zu einigen, sondern einfach nur ums Recht haben und das sich Durchsetzen. Das ist kein Drama, und es ist auch nicht so schlimm, wie es klingt. Wir sind alle Menschen, und manchmal sind wir eben auch wie Kinder.
Und dann beginnt der Lernprozeß. Er beginnt zunächst harmlos an der Oberfläche. Wir sind über etwas verwirrt, haben uns geärgert oder sind traurig. Wir reden darüber mit unseren Freunden. Die Freunde antworten darauf, was uns neue Gesichtspunkte einbringt. Eine Weile bleiben wir auf diesem Niveau. Das klingt dann etwa so. „Er hat gesagt, daß er um 19 Uhr da sein will, aber gekommen ist er erst um 22 Uhr. Also, wenn ich sage, ich bin um 7 Uhr da, dann bin ich auch um 7 Uhr da.“

Es ist natürlich müßig aufzuzählen, wie wir selbst es machen würden, da unser Partner es ja nun einmal anders macht

Trotzdem halten wir uns eine Weile auf dieser Ebene des Recht-haben-Wollens auf. Das ist schon okay, das gehört zum Spiel. Das ist sozusagen der Anlauf, den wir nehmen, um eine Hürde zu überspringen. Da es sich ja aber um Liebe handelt und wir die Liebe nicht verlieren wollen, schließlich stellt sie unsere höchste Motivation dar, entwickeln wir mit der Zeit doch eine Bereitschaft zu verstehen, was wirklich los ist und wie wir damit sinnvoll umgehen können. Sobald wir das ernsthaft wollen, dauert es nicht mehr lange, bis wir das nötige Verständnis auch gefunden haben. Und dieses neue Verständnis erweitert unseren menschlichen Horizont. Zum Beispiel bei der Klientin, von der das obige Zitat stammt. Sie hat irgendwann erkannt, daß es in der Liebe darum geht, den anderen so zu nehmen, wie er ist und nicht ihn nach ihrem Ebenbild noch einmal neu zu erschaffen. Wenn sie eine pünktliche Frau ist, die auch wirklich um 7 Uhr erscheint, weil sie das versprochen hat, so ist das schön für sie. Er aber wird sich nicht deswegen verändern. Sie kann sich darüber ärgern, sie kann sich aber auch entschließen, das einfach nicht so wichtig zu nehmen. Schließlich ist er ein Mensch mit so viele Qualitäten, daß man ihm auch einen Mangel zugestehen kann.

Vielleicht geht sie sogar noch weiter und erkennt, daß es in der Liebe einfach nur darum geht, sich am anderen zu erfreuen

Jeder Mensch hat seine Fehler, aber wir verlieren die ganze Freude, wenn wir immer nur wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf die Fehler des anderen schauen. Genießen wir doch lieber alles das an ihm, was schön ist. Das ist aber noch nicht die ganze Einsicht. Da gibt es noch viel mehr.

Über die Liebe können wir in die tiefsten und schönsten Geheimnisse der Menschlichkeit eindringen.

Und das Wunderbare daran ist, daß wir es gar nicht als Lernen empfinden. Wir kommen uns nicht im geringsten wie in der Schule vor. Wir quälen uns nicht mit diesen Lektionen herum wie mit Vokabeln, die wir uns einpauken müssen, sondern surfen auf einer Welle von Motivation. Okay, es kann sein, daß wir unserer Umwelt ein wenig auf die Nerven gehen, weil wir für eine Weile von nichts anderem als unserer Beziehung mehr reden können. Aber das ist doch ein kleiner Preis für große Einsicht. Meine Empfehlung lautet daher, hören wir doch auf, so schrecklich vernünftig zu sein und stürzen wir uns hinein in das Wagnis der Liebe. Machen wir uns ruhig mal zum „Idioten“. Das ist ein von der Schöpfung genial eingerichtetes Lernprogramm.

Hier geht es aber nicht um Wissen, das wir in unseren Köpfen sammeln, hier geht es um das Wissen des Herzens. Um emotionale Veränderung

Viele Menschen haben es sich angewöhnt so zu tun, als würden sie alles verstehen. Wenn ihre Freundinnen ihnen dann ihr Herz ausschütten, haben sie immer einen guten Rat parat, den sie ihr mit den Worten: „Du mußt das so tun…“, aufdrücken. Aber was passiert wohl mit diesen Menschen, wenn es sie einmal selbst erwischt? Wenn sie in die Liebe fallen? Sie haben nicht mehr begriffen als ihre Freundin, der sie immer so klug geraten haben. Diese Lektion findet im Herzen statt. Das kann man sich auch nicht anlesen. Das kann man nur selbst erleben und erfahren.

Durch all die kleinen und großen Liebesereignisse hindurch arbeiten wir uns vor zu unserem wahren Menschsein, bis wir eines Tages auch die größte Lektion von allen gelernt haben: Wie man ein glücklicher Mensch ist.

Autorin: Kim Barkmann
Lebensberaterin, Altensalzwedel
Bücher von Kim Barkmann


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