Über zwei Zentner abgenommen 70 Pfund leichter und glücklich
Aug 18

… sie ist das Gegenstück zur Liebe

Kürzlich erzählte mir ein Polizist, der an meinem Seminar teilnahm, er hätte immer ein komisches und ungutes Gefühl, wenn er hinter sich ein Polizeiauto fahren sähe. Dasselbe sagen mir viele Menschen. Sie berichten, daß sie sich sofort schuldig oder ängstlich fühlen, wenn zum Beispiel auf der Autobahn hinter ihnen auf einmal ein Polizeiauto auftauchen würde, so als hätten sie sich irgend etwas zu schulden kommen lassen. Lustig fand ich jedoch, dasselbe auch aus dem Munde eines Polizeibeamten zu hören.

Aber so sind wir Menschen. Wir sind durch unsere Erziehung so auf schuldig getrimmt, daß wir uns angesichts eines Ordnungshüters sofort wie böse kleine Kinder fühlen, die erwischt wurden.

Etwas ganz Ähnliches erfuhr ich von einer Klientin, die bei mir eine Sitzung nahm. Sie sagte, sie wäre beinahe nicht gekommen, weil sie auf der Fahrt zu mir so gewaltige Ängste bekam.
Natürlich fragte ich sie, wovor sie sich denn so gefürchtet hätte, und sie antwortete ganz freimütig, daß sie sich vor mir gefürchtet hätte. „Ich dachte, Du kannst mir vielleicht mitten ins Herz sehen und dann sagst Du, daß ich völlig verkehrt bin, und daß ich alles falsch gemacht habe, daß ich selbst an allem schuld bin und mich ändern soll. Davor hatte ich ganz große Angst.“
Ich glaube, diese Klientin hat auf ihre ehrliche und unschuldige Art ein Riesenthema angesprochen. Aber als sie dann von mir besprochen wurde, da fanden sich genau die richtigen Worte. Sie trafen die Dame mitten ins Herz und fügten ihr keinerlei Schmerz zu. Das ist etwas, was ich nicht laut genug herausschreien kann:

Die Wahrheit tut nicht weh!!!

Ich weiß, man hat uns alle gelehrt, es anders zu glauben. „Wahrheit tut oft weh“ sagt ein Sprichwort. Aber das stimmt nicht. Was da weh tut, ist nicht die Wahrheit, sondern die Wertung, die daran geheftet wird.
Wenn andere Menschen uns die Wahrheit gesagt haben, dann geschah es fast immer in einem Augenblick der Wut. Ich habe in meinem Leben tausendmal erfahren, wie wundervoll es ist, Wahrheit zu bekommen. Es tut nicht nur nicht weh, sondern ist eine reine Freude.

Die Wahrheit erlöst und befreit uns, löst spontan Probleme, macht wieder weit, was eng geworden war

Das Beispiel einer Klientin
Eine Klientin erzählte von ihrer Schwiegermutter, die mit ihr und ihrem Mann zusammen in einem Haus wohnte. Die alte Dame hatte sich im Laufe der Jahre immer schlechtere Umgangsformen angewöhnt. Sie beleidigte alle Menschen und verlangte ständige Aufmerksamkeit.
Die Schwiegertochter war der Ansicht, man sollte Menschen mit Liebe begegnen. Einige Besuche in esoterischen Seminaren hatten sie stets in dieser Ansicht bestätigt. Man hatte ihr dort immer wieder gesagt, Liebe sei die größte Kraft, und wenn sie nur beharrlich in der Liebe bliebe, dann würde sich die Schwiegermutter eines Tages ändern.
Alle Wissenden unter den Lesern und Leserinnen können sich wahrscheinlich bereits denken, was daraufhin passierte, nämlich nichts.
Die Schwiegermutter änderte ihr Verhalten kein bißchen, eher steigerte sie es noch.
Meine Klientin versuchte tapfer, jeden Ausfall der Schwiegermutter mit Liebe zu parieren, und langsam verlor sie dabei alle Kraft.
Als ich ihr riet, es einmal mit der Wahrheit zu versuchen, da bereitete ihr der Gedanke auch zunächst Angst. „Ich kann ihr doch nicht so weh tun“, sagte meine Klientin. Da sie aber wirklich am Ende ihrer Kräfte war und keinen anderen Ausweg wußte, versuchte sie es auf die von mir vorgeschlagene Weise. Wie ich es ihr geraten hatte, reagierte sie auf die Angriffe ihrer Schwiegermutter mit Fragen, die auf die Wahrheit zielten.
So lag die alte Dame eines Tages im Bett, weil sie sich nicht gut fühlte, während meine Klientin das Haus putzte. Die Schwiegermutter rief nach ihr. Diese mußte erst den Putzeimer abstellen und sich die Hände waschen, bevor sie in das Zimmer der alten Dame trat. „Was treibst Du so lange“, pöbelte es ihr entgegen, „Du liegst wohl faul auf dem Sofa und frißt Pralinen?“
Da meine Klientin an solche Töne gewöhnt war, brauchte sie keine Schrecksekunde, um diese Boshaftigkeit fassen zu können. „Warum beschimpfst Du mich, während ich mich um Dich kümmere?“ fragte sie. Diesmal war es die Schwiegermutter, die eine Schrecksekunde hatte. Sie japste nach Luft, faßte sich aber schließlich wieder und fand schnell zur gewohnten Gemeinheit zurück. „Was fällt Dir ein, so mit mir zu reden, Du dumme Göre?”, bellte sie meine Klientin an. „Warum siehst Du eigentlich in mir eine dumme Göre, Schwiegermutti, ich bin doch schon erwachsen?“
„So benimmst Du Dich aber nicht.“
„Wieso bewertest Du es als unerwachsen, wenn sich jemand um Dich kümmert, gehst Du davon aus, daß erwachsene Menschen sich nicht um andere kümmern?“
„Bist Du heute total übergeschnappt?“
„Warum bist Du eigentlich so verärgert? Was hat Deinen Glauben an die Menschen so zerstört?“
Langsam begann die Fragetherapie zu wirken.
„Wenn Du mitgemacht hättest, was mir das Leben alles angetan hat, würdest Du nicht so dumm fragen“, moserte die alte Dame, jetzt aber schon in leiserem Ton.
„Schwiegermutti, weißt Du eigentlich, was ich mit Dir mitmache?“, gab meine Klientin ebenfalls leise zurück. Das saß. Urplötzlich brach die Schwiegermutter in Tränen aus. Die Einsicht überflutete sie. Natürlich wußte sie nur zu gut, was ihre Schwiegertochter mitmachte, denn sie war es ja selbst gewesen, die all die Gemeinheiten ausgesprochen hatte. Aber zum ersten mal wurde ihr das wirklich bewußt. „Es tut mir leid, Kind, es tut mir so leid, Kind“, stieß sie unter Tränen wieder und wieder hervor.


Und meine Klientin, der hier ohnehin ein riesengroßes Lob gebührt für die hervorragende Anwendung von Wahrheitsfragen, hatte die menschliche Größe, sich auf das Bett der alten Dame zu setzen und sie in den Arm zu nehmen.

Dieser Tag veränderte alles zwischen den beiden.

Wenn man es genau nimmt, hatten die Esoterikerinnen sogar recht. Die Liebe hatte gesiegt, aber die Liebe ist nichts ohne die dazugehörige Portion Wahrheit. Mit der Liebe allein hatte meine Klientin es bereits seit Jahren ohne jeden Erfolg versucht. Es fehlte die Wahrheit.

Aber betrachten wir doch einmal folgende Frage: Kann man annehmen, daß die Schwiegermutter eine glückliche Frau war? Ich glaube das nicht. Ich denke vielmehr, daß die Schwiegermutter mitten in ihrer ganz persönlichen Hölle schmorte. Sie lebte voller Haß und Boshaftigkeit von einem Tag zum anderen. Das macht weder glücklich noch gesund. Ich gehe sogar so weit zu sagen, daß sie nur deshalb immer unausstehlicher geworden war, weil etwas in ihr sich verzweifelt nach Wahrheit sehnte. Das habe ich schon ganz oft bei Menschen beobachtet.

Viele Menschen haben sich, ohne es wirklich zu wollen, in eine üble Position hineinmanövriert. Sie verhalten sich gemein gegenüber ihren Mitmenschen, schaffen es aber nicht, von sich aus damit aufzuhören.

Diese Menschen wollen gestoppt werden. Sie wollen es vielleicht nicht bewußt, aber ihr Innerstes sehnt sich danach, daß jemand kommt, der stärker ist, der sich nicht einschüchtern und in die Ecke drängen läßt, daß jemand ihnen Kontra gibt und sie stoppt.

Der Schmerz liegt nicht in der Wahrheit, sondern in ihrer Abwesenheit

Aus meinem Beispiel wird auch deutlich, daß Wahrheit und Kritik für mich nicht ein und dasselbe ist. Es geht nicht darum, andere zu kritisieren. Das nämlich ist es, was weh tut. Vergessen wir einfach alle Kritik. Statt dessen geht es darum, auf die Menschen nicht mit Lügen zu antworten, nicht zu lächeln, wenn wir in Wirklichkeit verletzt sind, zu lachen, wenn jemand uns beleidigt hat, zustimmend zu nicken, wenn unser Gegenüber uns zu Tode langweilt. Es geht um wahrhaftige Botschaften unserer inneren Reaktion. Nicht jedem fallen so geschickt formulierte Fragen ein, wie der Dame aus meinem Beispiel.
Das muß aber auch nicht sein. Jeder kann jedoch ein wenig mehr von dem durchblicken lassen, was er wirklich fühlt.
Manchmal sitzen wir jemandem gegenüber, der gerade seinen ganzen Ärger herausläßt. Er schreit und schimpft, obwohl wir überhaupt nichts mit seinem Frust zu tun haben, ihn nicht verursacht haben. Anstatt verständnisvoll zu nicken, könnten wir einfach fragen: „Warum schreist Du deswegen mich an?“ Oder: „Warum bist Du jetzt so feindlich zu mir?“ Denn wir leiden und wissen oft nicht, wodurch wir unser Leid unnötig manifestieren.

Wir Menschen haben immer so viel Angst vor der Wahrheit, aber die Wahrheit ist in Wirklichkeit nichts anderes als die andere Seite der Liebe.

Artikel: Bioline-Magazin (Kim Barkmann)


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