Die Mistel Nimm das Leben nicht so schwer
Dez 02

Hätten Sie gedacht, daß Neid eine wichtige Gefühlserregung ist? Neid gehört zu unserem Leben und ist die Voraussetzung für energievolles Vorwärtsstreben
Haben Sie diesen Satz öfter mal gehört oder gesagt, ernsthaft und nicht als scherzhafte Äußerung? Das wäre erstaunlich, denn wenige Menschen geben freimütig zu, daß sie neidisch sind oder irgendwann einmal waren. Neidisch sind immer nur die anderen. Verwunderlich ist das nicht, denn Neid ist keine beliebte und auch keine angenehme Gefühlsäußerung - nicht umsonst sagt man schließlich, jemand, immer der andere natürlich, sei blaß vor Neid oder gelb oder grün. Dann ist der Neid schon so groß, daß er jemanden förmlich auffrißt und schon ins Gesicht geschrieben steht. In den meisten Fällen äußert sich Neid aber nicht so kraß, und vielleicht wird er deshalb gar nicht erkannt.


Dahinter steckt auch Neid
Was Du kannst, können wir schon lange, mag das Paar denken, das mit Bedacht die prächtigste Ansichtskarte des Luxushotels aussucht, in dem es gerade wohnt, auf den Malediven! Der Nachbar soll die Karte bekommen, denn der hatte herzliche Grüße vom Kap der Guten Hoffnung geschickt, obwohl sie sich sonst nicht besonders gut verstehen. Jedenfalls hatten sie sich geärgert und jetzt können sie es ihm heimzahlen. Mit ihrer Postkarte sagen sie dem guten Nachbarn: „Schau her, glaube nur nicht, daß nur Du weite Reisen machen kannst.“ Vielleicht wollen sie ihm auch zu verstehen geben, daß auch sie glücklich und zufrieden sind - selbst wenn das gar nicht der Fall ist. Denn wenn es einem gut geht, hat man wohl kaum das Bedürfnis, jemandem etwas heimzahlen zu wollen. Vielleicht ging es dem Nachbarn am Kap der Guten Hoffnung ja auch nicht so gut, vielleicht fühlte er sich einsam und es ging ihm besser, nachdem er die Postkarte geschrieben hatte und annehmen konnte, daß man ihn beneiden würde.

Neid begleitet unseren Alltag
Dieses eine Beispiel zeigt schon, wie allgegenwärtig der Neid ist. Man beneidet andere um ihren Wohlstand, ihr Geld, ihre Wohnung, ihr Auto, ihr Aussehen, ihre Partner, ihre Kinder, ihre Freunde, ihre Arbeit, ihre Bildung, u.v.a.m.

Neid bestimmt unsere Handlungen viel öfter als wir meinen

Im Zusammenleben mit anderen wird seine Bedeutung unterschätzt - bedenkt man die verschiedenen Möglichkeiten die ein neidischer Mensch hat, um sein Gefühl zu verbergen.

Auch ich bin nicht frei von Neid
Eine Freundin von mir ist umgezogen. Wir beide hatten ähnliche Wohnungen in derselben Gegend. Ihre neue Wohnungen ist größer und komfortabler, die Gegend ist schöner. Etwas ist zwischen uns getreten: ich beneide sie. Nun habe ich mehrere Möglichkeiten, mit meinem Neid fertig zu werden und ihn „umzufunktionieren“:

Neid deprimiert mich
- Ich beglückwünsche meine Freundin, aber ich bin niedergeschlagen. Meine Wohnung kommt mir nun schäbig vor. Für eine Weile bin ich wütend auf die Freundin: Sie hat mehr Glück als ich, verdient auch mehr Geld und bekommt mehr Anerkennung für ihre Arbeit. Aber ich zeige die Wut nicht - vielmehr sage ich mir nun, daß meine Arbeit auch nicht so gut ist wie ihre; niemals werde ich so viel Geld verdienen wie sie und auf ein bißchen Glück kann ich schon gar nicht hoffen, ich nicht. Ich richte meine Wut gegen mich selbst, bin deprimiert und wie gelähmt.

Neid kann wütend machen
- Vorausgesetzt, die Freundin ist auf einem nicht ganz „sauberen“ Weg an ihre neue Wohnung gekommen. So eröffnet sich für meinen Neid eine andere Möglichkeit, mit ihm fertig zu werden, ohne daß mein Handeln als neidisch erkannt wird. Ich verwandle meinen Ärger und meine Wut in Empörung. Für eine gerechte Sache, nämlich für die gerechte Verteilung von Gütern!

Neid läßt sich in Ehrgeiz verwandeln
- Ich sage mir, na gut, du sitzt jetzt zwar noch in deiner kleinen Bude, aber das muß ja nicht so bleiben. Ich versuche einfach mal, meine Arbeitssituation zu verbessern und sehe mich nach einer anderen Wohnung um. Das kann zwar dauern, aber es muß ja auch nicht gleich sein. Aus Neid habe ich Ehrgeiz gemacht, der mich anspornt.

Für Kinder ist Neid eine wichtige Lernstrecke

Trotzdem: Neid ist, bei allen Versuchen ihn zu bewältigen, zunächst einmal feindselig. Kinder gehen mit ihrem Neid übrigens noch ganz unbefangen um, sind offen feindselig: Zwei Jungen spielen Krieg, mit Spielfiguren. Plötzlich reißt der eine dem anderen die Figur aus der Hand, denn die hat eine bessere Waffe. Und schon raufen sich die beiden am Boden, machen selber Krieg, die Figuren liegen unbeachtet am Boden.
Oder das kleine Mädchen: Es ist mit seiner Mutter zu Besuch bei deren Freundin. Im Bad sieht es eine schöne Haarspange und steckt sie in ihre Jackentasche. Da das begehrte Objekt gut sichtbar im Regal gelegen hatte, entdeckt die Freundin gleich, daß es fehlt. Als sie aus dem Bad kommt, fragt sie das Mädchen, ob es die Haarspange gesehen hätte. Das Mädchen schüttelt den Kopf. Nachdem die Freundin es lange angesehen hat, holt es die Spange zögernd hervor. Auf die Frage, warum es die Spange genommen hat, antwortet das Mädchen frei heraus: „Weil ich so eine noch nicht habe.“
Wenn man neidisch sein muß auf etwas, was ein anderer hat und man selbst nicht, ist die Reaktion des Mädchens zunächst einmal eine ganz gesunde. Es ist zwar ertappt worden und hatte keine andere Wahl, es mußte den Klau zugeben, aber es konnte sich auch spontan befreien. Das war eine wichtige Lernerfahrung für die Kleine. Sie hat begriffen, daß sie nicht einfach nehmen darf, was sie haben will.


Verborgener Neid kann auf die Dauer zwischenmenschliche Beziehungen zerstören. Der Neider verdrängt sein Gefühl, denn er schämt sich, es zu zeigen. So heuchelt er, setzt eine Maske auf. Weil das Gefühl aber weiter in ihm rumort, fühlt er langsam nur noch Groll und hat Ressentiments vielleicht gegen jeden, der etwas hat, was er nicht hat. Kaum auszumalen, wie sein Leben dann aussieht…

Eine alte Fabel mit dem Titel „Der geplatzte Frosch und der Ochse“ erzählt von einem Frosch, der sich, vom Neid über die Größe des Ochsen erregt, so lange aufbläht, um auch so groß zu werden, bis er „mit geplatztem Leibe dalag“. Der Frosch hat sich einfach übernommen. Auch vom Menschen heißt es, er platze vor Neid.

Menschen vergleichen sich vornehmlich mit ihresgleichen
Der Angestellte beneidet nicht den Boß, sondern seinen Kollegen. Am Leben der Schönen und Reichen nimmt man durch die Medien eher neidlos teil - die sind eh von einem anderen Stern. Das gerade mal nur um eine Klasse bessere Auto des anderen aber kann ihn zur Weißglut bringen; es auch zu besitzen, liegt noch im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Bei Neid geht es nicht nur um Besitz
Es scheint, als ginge es immer um materielle Güter, die man jemandem neidet. Aber bei dem Paar, das die Postkarte von den Malediven schickt, ist schon nicht mehr ganz klar, ob es den Nachbarn nicht vor allem um sein - natürlich nur vermutetes - Wohlbefinden beneidet. Dabei verbindet das Paar automatisch Wohlbefinden oder Zufriedenheit mit nach außen hin sichtbarem Wohlstand.

Unverständlich scheinen in unseren Gesellschaft diejenigen zu sein, die glücklich und zufrieden sind, ohne daß man Beneidenswertes in ihrer Umgebung entdecken könnte. Diese Menschen beneiden wohl niemanden. Vielleicht geht es ihnen gut, weil sie der Wettbewerb in der Konsumgesellschaft nicht interessiert; sie wissen was sie brauchen und bleiben unberührt von all´ dem, das sie nach Meinung der anderen brauchen sollten. Sie werden, so paradox das klingen mag, möglicherweise darum beneidet, daß sie im Grunde genommen quälenden Neidgefühlen nicht ausgesetzt sind. Ehe man diese Menschen beneidet, könnte man sich fragen, ob die Dinge, die man neidet, es überhaupt wert sind, sich ihretwegen zu zerfleischen und Beziehungen aufs Spiel zu setzen

Wie man sich von Neid befreit
Wenn man jedoch nicht gefeit ist gegen Neidgefühle, könnte man versuchen, wenigstens gelassen zu bleiben. Man könnte sie prüfen und ohne Scham zulassen. Vielleicht schafft man es ja auch, sie zu überwinden - angefangen bei einem Neidobjekt in allernächster Nähe - bei sich selbst. Es kann nämlich vorkommen, daß man sich selbst beneidet um die Person, die man einmal war oder gern geworden wäre. Das erkennt man häufig so nicht. Dieser Neid hat sich dafür auf andere „verschoben“. Man beneidet sie, weil sie verkörpern, was einem selbst unwiederbringlich verloren scheint. Hat man das erkannt, so ist der Weg frei, sich selbst als die Person zu akzeptieren, die man ist.

Mein eigener Neid, wo führt er hin?
Ich platze zwar nicht gleich vor Neid, aber ganz frei von Neidgefühlen bin ich auch nicht. Sie haben mich vor allem an mir selbst zweifeln lassen: Als mir ein alter Freund freudestrahlend erzählte, daß er jetzt mehr verdiene, richtig gut, konnte ich seine Freude nicht teilen. Statt dessen schien mir meine eigene Arbeit nichts mehr wert zu sein und ich habe sie auch nicht mehr gern gemacht. Ich wurde immer deprimierter, antriebsschwächer, faul - nur nicht zu faul für die wachsenden Neidgefühle. Dann las ich in einem Zeitungsartikel, wie unendlich schwer es für Menschen ohne richtige Ausbildung ist, einen Arbeitsplatz zu finden. Ich hatte eine gute Ausbildung und meine Arbeit war nicht schlecht! Mir wurde klar, daß ich meine Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft hatte. Im immergleichen Trott habe ich vor mich hin gelebt. Das sollte anders werden. Ich akzeptierte, daß ich neidisch war, wollte dieses ungute Gefühl aber in Ehrgeiz verwandeln. Dieser Entschluß spornte mich an, bereicherte mein Leben, machte es aktiver und bunter.

Ich fand aber auch heraus, daß es nur dann gelingt, wirklich zufrieden zu sein, wenn der Neid überwunden werden kann. Es ist ratsam, das Erworbene oder Erreichte erst einmal zu genießen! Lockt dann wieder ein „Objekt der Begierde“ stellt sich die Frage, ob man das wirklich haben muß, ob man das überhaupt braucht.
Eine interessante Überlegung ist also die logische Schlußfolgerung

Wir brauchen Neid

Dieses neidische Gefühl, wird es richtig erkannt und kanalisiert, dient den Menschen als Motor für Ehrgeiz und Überwindung von Schwierigkeiten. Ich sehe, was der andere kann, was er leistet. Nach der ersten negativen Regung (dem Neid) realisiere ich sogleich: das kann ich auch, das ist auch von mir zu schaffen. Ohne Neid hätte ich dieses Bestreben vielleicht nicht.

Nehmen wir es also an, das neidische Gefühl

Neid ist also wichtig!
Und es hat nicht das Geringste mit Mißgunst zu tun.
Wenn ich Neid als Initialzündung nutze und dem Mitmenschen alles gönne, was ihn glücklich macht, geht es mir ausgesprochen gut. Ich kann dann aus vollem Herzen dazu stehen, wenn mich das Gefühl beschleicht:

Ich bin so richtig von Herzen neidisch!

Artikel: Bioline-Magazin (Camilla Goldhahn)


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