Zinnkraut (Equisetum arvense) Die Behandlung mit Blutegeln
Dez 14

Die Höflichkeit ist eine stillschweigende Übereinkunft
„Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nahe zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.
So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab.
Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte.
(Arthur Schopenhauer: „Der Mensch – ein geselliges Lebewesen“)

Höflichkeit ist kein Wert an sich
Diese „mittlere Entfernung“ – höfliche Distanz – kann auf sehr unterschiedliche Weise hergestellt werden. Höflichkeit ist kein Wert an sich, sie kann gutes oder weniger Gutes bedeuten.

Ordnungs-Höflichkeit
Es gibt eine Form der Höflichkeit, mit der man sich Lästiges oder Peinliches vom Halse halten möchte – man benimmt sich anständig.

Routine-Höflichkeit
Frau K. zum Beispiel wird regelmäßig an Festtagen von einer flüchtigen Bekannten angerufen. Das entspricht den Spielregeln eines höflichen Rituals. Nur: Frau K. mag diese Bekannte nicht, was sie ihr nie gesagt hat und nie sagen wird. Es ist ihr nicht so wichtig und außerdem ist es bequemer, die Anruferin in dem Glauben zu lassen, es gäbe so etwas wie eine Beziehung zwischen ihnen. Vielleicht hat sie auch nicht die Achtung vor ihr, die man haben muß, wenn einem daran gelegen ist, etwas zu klären.

Distanz-Höflichkeit
Nicht weit entfernt von dieser Form der Höflichkeit ist die kalte Höflichkeit, mit der man aufdringliches und taktloses Verhalten abwehrt.

Formen-Höflichkeit
Die äußerliche Höflichkeit richtet sich nach Zeit und Moden, die Formen wechseln, manche werden beibehalten, wie das Abnehmen des Hutes, wodurch man sich kleiner macht (und auch offenbart – so der ursprüngliche Sinn – daß sich unter dem Hut nichts verbirgt).

Vorteils-Höflichkeit
Die herzlose Höflichkeit schließlich wird um des Vorteils willen gepflegt, sie dient als Maske und ist meist kriecherisch und heuchlerisch.

Angst-Höflichkeit
Ist auch die bescheidene Höflichkeit, die Ängstlichkeit verbirgt.

Höflichkeit – pure Heuchlerei?
Der Verdacht, heuchlerisch zu sein, haftet allen höflichen Umgangsformen an, die oft Konventionen sind. Die 68er Generation wollte mit allem höflichen Getue ein für allemal Schluß machen, um auf diese Weise – unter anderem – die Verlogenheit der bürgerlichen Gesellschaft zu entlarven. „Wenn`s der Wahrheitsfindung dient“ bemerkte Fritz Teufel, als er im Gerichtssaal darauf hingewiesen wurde, daß er aufstehen müsse. Der Satz wurde zum geflügelten Wort; Teufel sprach aus, was viele Menschen dachten – und denken. Die Stichelei gegen den tausendjährigen Muff unter den Talaren hatte eine geradezu befreiende Wirkung. Wenn überkommene Rituale, verkrustete Konventionen angegriffen werden, so ist damit die Frage nach der Verhältnismäßigkeit gestellt. In welchem Verhältnis steht das Finden einer Wahrheit zur Körperhaltung des Befragten? Die – erforderte – Körperhaltung vor Gericht soll den Respekt des Angeklagten vor der Institution ausdrücken. Sie dient jedoch der Einschüchterung, aber bringt Eingeschüchtertsein eine Wahrheit ans Licht?

Höflichkeit – bloße Strategie
Als „machohaftes Getue“ taten die Feministinnen der ersten Stunde es ab, wenn ein männliches Wesen ihnen in den Mantel helfen wollte. „Was bildet der sich ein, meint der, daß ich das nicht alleine kann; der will ein Kleinkind aus mir machen und ich stehe rum wie blöde und warte, bis er den Mantel vom Haken hat. Dazu hat er kein Recht!“
Eine wohlwollende Geste? Die Frau, die so empfand und der die Geste sogar gefiel, war verloren, sah die wahren Machtverhältnisse nicht. Nach Schopenhauer, den die Höflichkeit sehr beschäftigt haben muß, eben weil er die Menschen für so widerwärtig und garstig hielt, ist „die Höflichkeit dem Menschen, was die Wärme dem Wachs“. Das aber durfte einer Frau nicht passieren: zu Wachs werden.
Eine „Weisheit“ aus den USA hätte nichts gegolten in ihren Ohren, selbst wenn sie sie gekannt hätte: „Sei höflich gegenüber jedermann: Nicht weil der Partner eine Lady oder ein Gentleman ist, sondern weil Du selbst eine Lady oder ein Gentleman bist.“

Höflichkeit wegen der Harmonie
„Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist“, heißt es in Goethes „Faust“; wohl deshalb betrachten wir verständnislos staunend die fernöstlichen Umgangsformen.
Bei seinem ersten Besuch in Tokio fiel Klaus, ein Bekannter von mir, aus allen Wolken. Seine Gastgeber entschuldigten sich erst einmal für ihr bescheidenes Heim und baten dann um Verzeihung für die unwürdigen Speisen, die seinem Gaumen zugemutet würden. Als er den Sake ablehnte, zuckte die Gastgeberin zusammen, ihr Lächeln verschwand, aber nur für wenige Augenblicke. Dann sagte sie „Entschuldigen Sie die Kränkung!“ – und lächelte wieder fein. Dabei sagt ein Sprichwort aus Japan: „Übertriebene Höflichkeit ist Unhöflichkeit“.
Klaus hätte wissen müssen, daß ein „Nein“ die Harmonie stört; ein Japaner meidet es. Was aber macht er, wenn er „nein“ meint, aber nicht sagen möchte? Er sagt ja und meint nein. Das muß man erfühlen; Japaner sind Meister in einer Verständigungsform, die sie Bauch-Kunst nennen. Es gilt als grob und primitiv, seine Gefühle mit Worten auszudrücken.
Den Deutschen aber, das suggeriert der Satz aus Goethes „Faust“, geht es immer und überall um die reine Wahrheit. Übrigens: Der  preußische Hof (Höflichkeit war zunächst das dem Umgang am Hofe entsprechende Benehmen) hatte mit dem französischen und seinen galanten (auch intriganten) Umgangsformen nichts gemein: zu verspielt, zu oberflächlich, zu verlogen erschien er – und sicher auch zu zeitaufwendig und uneffektiv.

„Höflichkeit ist Wohlwollen in Kleinigkeiten“
(Thomas B. Macaulay, engl. Politiker 1800-1859)

Ich halte die Tür auf, wenn ich hinter mir jemanden bemerke, der schwer zu tragen hat, egal ob Frau oder Mann. Ich muß ein wenig warten, aber das macht nichts. Höflichkeit ist bisweilen zeitaufwendig. Ich tue das ganz selbstverständlich, ich kann mir ja vorstellen wie es ist, mit zwei Taschen beladen zu sein. Ich würde es mir aber auch schwer verzeihen, diesem Menschen, vielleicht nur gedankenlos, die Tür vor der Nase zuzuknallen.
In den kleinen, alltäglichen Szenen zeigen sich verschiedene Aspekte von zwischenmenschlichen Spielregeln, die Höflichkeit genannt wird. Sie enthält auch den „Wunsch, höflich behandelt zu werden und als gesittet zu gelten“ (La Rochefoucauld). Es geht um Respekt und Achtung vor dem anderen – und vor sich selbst, und um die Sehnsucht danach.
Wird mir die Tür aufgehalten, vor meinem Wohnhaus, kann ich das Gefühl haben, in die Hausgemeinschaft sozial integriert zu sein.
In dieser kleinen Wärme muß ich ja nicht gleich wie Wachs dahinschmelzen.

Verordnete Höflichkeit
„Können Sie Ihren Beutel bitte mal kurz anheben?“ sagt der Kassierer im Supermarkt. Vor noch nicht allzu langer Zeit hieß es: „Ihren Beutel müssen Sie aber mal anheben.“ Das von oben verordnete Mißtrauen wird inzwischen in von oben verordnete Höflichkeit verpackt.

Das Personal in den Geschäften wird geschult in Höflichkeit

Jeder Verkäufer wünscht Dir einen guten Tag, manchmal schon am Montag ein schönes Wochenende. Dieser Versprecher sagt deutlich, wie floskelhaft die Höflichkeit ist. Man weiß das, man weiß auch, daß man nicht persönlich gemeint ist, aber die Stimmung ist angenehm. Wie reimte Wilhelm Busch:

„Da lob ich mir die Höflichkeit, das zierliche Betrügen. Ich weiß Bescheid, Du weißt Bescheid. Und allen macht’s Vergnügen“.

Höflichkeit des Herzens
Neben allen mehr oder minder zweifelhaften Formen gibt es natürlich auch die echte Höflichkeit. Sie kommt sozusagen von Herzen, ist ein Bedürfnis, das auf Sympathie und Wohlgefallen beruht, auf Achtung und Respekt, auf Liebe. Ein Paar kann durch höflichen Umgang miteinander die gefährlichen Klippen in seiner Beziehung immer wieder umschiffen, das ist immerhin schon etwas. („Laß das bitte Liebling, Du weißt doch, daß ich das nicht ausstehen kann.“) Die Höflichkeit kann jedoch leicht zu einem verkrampften Ritual verkommen, hinter dem die Angst des Verlassenseins lauert, das aber auch ein Machtkampf ist; eine ständige höfliche Fehde. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern selbstverständlich und frei von Angst, höflich zueinander sein: das wäre ein gutes Miteinander – in jeglicher Beziehung.

„Höflichkeit ist wie ein Luftkissen. Es mag wohl nichts drin sein, aber sie mildert die Stöße des Lebens.“
(Schopenhauer)

In unserer „Ellenbogengesellschaft“, in der die Sitten verkommen, der Mensch verroht und das tägliche Miteinander zum lästigen Übel gerät – so der düstere Blick auf die Gegenwart – wird, sozusagen als Gegensteuerung, auf gutes Benehmen wieder viel Wert gelegt, als „sozialer Schmierstoff“ scheint es unerläßlich, auf dem Büchermarkt erscheinen immer neue Benimm-Bücher.
Gerade in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft sind höfliche Umgangsformen als kleinster sozialer Nenner die Bedingung für das Miteinander. Sie sind das „zivilisatorische Minimum“, auf das Menschen unterschiedlichster Herkunft und kultureller Vorgaben sich einigen können, Gesten der Beschwichtigung und Besänftigung im öffentlichen Raum, der mit Menschen, Reizen und Irritationen ausgefüllt ist, die wir ohne Höflichkeit zueinander kaum verkraften können.

Höflichkeit
Es sprach der Sohn zur Tante:
„Geliebte Anverwandte,
wie schön blüht der Holunder
und grünet die Natur.“
Die Tante sagte nur:
„Rutsch mir den Buckel runter!“

Da packt den Sohn ein tiefes Weh,
er beißt die Tante in den Zeh.
Die reißt ihn an den Haaren.
Sie schlagen sich die Zähne aus
und kommen dann ins Krankenhaus,
weil sie nicht höflich waren.

(Fridolin Wasserburg: „Die Ringelschneuze und andere Raritäten des täglichen Lebens“)

Artikel: Bioline-Magazin (Camilla Goldhahn)


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