Kräuterfenchel mit Soja-Oliven-Käsekruste Das Gesetz der Zahl
Mai 19

Eine Klientin schrieb mir kürzlich folgendes:
Ich bin 66 Jahre alt und habe in meinem Leben sehr viel mitgemacht und viel Unrecht erlitten. Aus all dem habe ich für mich und mein Leben viele Lehren gezogen, so daß es mir heute sehr gut geht. Nun möchte ich meiner Tochter und meinem Schwiegersohn helfen, aber sie lassen mich nicht. Ich habe den Eindruck, sie wollen meine Hilfe gar nicht und sie reagieren sehr ablehnend, wenn ich versuche, ihnen einen guten Rat zu geben. Dabei will ich ihnen doch nur helfen. Früher hat man uns beigebracht, den Rat älterer Menschen zu respektieren, warum soll heute etwas Falsches daran sein?

Ich habe über diesen Brief nachgedacht und bin der Frage nachgegangen, die die Dame mir stellt:

Was ist falsch daran, anderen helfen zu wollen?

Auch ich finde es richtig, wenn die Jugend von der Weisheit des Alters profitiert. Aber über eines sollten wir uns klar sein: Man kann nur jemandem helfen, der das auch will.
Eltern neigen nur zu oft dazu, ihren Kindern alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen zu wollen, und sie bemerken dabei gar nicht, daß sie ihre Kinder dadurch in Wahrheit schwächen. Verantwortung zu tragen, bedeutet auch Kräfte zu entwickeln.
Wenn wir anderen Menschen die Verantwortung für ihr Handeln abnehmen, berauben wir sie damit auch ihrer Kräfte.
Das ist sicher nicht einfach für eine Mutter zu verstehen, die ja schließlich nur das beste für ihr Kind will. Aber unsere Grundannahme, daß die Menschen ruhig, problemlos und störungsfrei leben sollten, ist ganz und gar nicht richtig. Oftmals brauchen  wir unsere Probleme, weil sie uns die Chance geben, unsere Möglichkeiten kennen zu lernen.
Im allgemeinen sind die Ergebnisse von den Bemühungen der Menschen dann am besten, wenn die Schwierigkeiten, die es zu überwinden gilt, am größten sind.
Denke man nur einmal an die Trümmerfrauen nach dem Krieg. Was für gewaltige Strapazen haben diese Frauen bewältigt, welche gigantischen Leistungen vollbracht. Wer schon einmal probiert hat, schwere Steine zu schleppen, weiß wovon ich rede. Und ich selbst kenne solche Kraftakte. Auf meinem Grundstück lagen Berge von Schutt, als ich es übernahm, und ich war gezwungen, diese ganzen Steine mit einigen Freundinnen zusammen eigenhändig in die Container zu werfen.
Das war unglaublich anstrengend. Eigentlich geht das weit über die Kraft einer Frau hinaus.
Aber dadurch haben die Trümmerfrauen nach dem Krieg alle Steine weggeräumt, geschleppt und daraus konnten wieder Häuser aufgebaut werden.

Sie gingen weit über ihre Grenzen hinaus, weil die Not so groß war.
Erst durch solche harte Arbeit lernten sie ihre wahren Kapazitäten kennen.

So verhält es sich auch mit unseren Problemen. Erst wenn wir sie freudig annehmen und uns entschlossen auf sie stürzen, lernen wir kennen, was in uns steckt. Wenn nun ein Mensch das für sich bereits erkannt hat und um seine eigene Stärke weiß, ist er oftmals versucht, diese Stärke in den Dienst seiner Mitmenschen zu stellen. Diese aber lehnen dieses Angebot ab. Sie wollen ihre Probleme selber lösen, sie wollen selbst herausfinden, wozu sie fähig sind und sie möchten auch den Zeitpunkt bestimmen, zu dem sie das tun.

Jeder Mensch hat ein Schicksal, das auch Probleme vorsieht. Indem er sich diesen Problemen stellt, wächst er. Wenn wir uns aber dazwischen drängen und ihm seine Schwierigkeiten von den Schultern nehmen wollen, berauben wir ihn auch der Möglichkeit, die Schwere seines Schicksals zu fühlen und daran zu wachsen. Wir schwächen ihn also, während wir uns selbst an seinen Problemen stärken.

Daher ist es nicht immer gut und richtig, wenn man anderen helfen will. Das war auch zu Zeiten unserer Vorfahren schon so. Nur früher hatten die Menschen so viel mit ihren eigenen Problemen zu tun, daß sie gar keine Gelegenheit und auch keine zusätzliche Kraft hatten, dazu noch die Probleme anderer auf sich zu laden.
Es war damals selbstverständlicher als heute, junge Menschen ihr eigenes Schicksal tragen zu lassen. Knaben galten mit vierzehn Jahren als erwachsen und wurden in die Lehre geschickt. Mädchen leisteten im selben Alter ihren vollen Anteil an der Haus- oder Feldarbeit.
Erst heute ist es so, daß die jungen Menschen eine verlängerte Kindheit haben, die mitunter bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr (oder noch länger…) dauert. Junge Menschen wachsen heute relativ behütet auf. Man konfrontiert sie sehr spät mit ihrem eigenen Schicksal.
Da verwundert es nicht, daß viele dieser Menschen darauf bestehen, wenigstens mit den Schwierigkeiten allein gelassen zu werden, die ihr Haushalt und ihr Geschäft ihnen bieten. Sie bekommen sonst zu wenig Gelegenheit sich zu beweisen, zu bewähren und ihren eigenen Sieg zu erringen.

Aber wann darf man dann helfen, ohne befürchten zu müssen, den anderen unnötig zu schwächen?

Wenn der andere uns unmißverständlich zeigt, daß er keine Hilfe will, ist die Sache ohnehin klar. In dem Fall sollte man gelassen zurücktreten und ihn gewähren lassen. Schwieriger wird es bei Menschen, die gerne die Hilfe annehmen und anderen mutwillig die Verantwortung aufladen, die eigentlich die ihre ist.
In einem solchen Fall müssen wir kritisch auf die ersten Ergebnisse unserer Bemühung blicken. Sehen wir, daß die andere Person nicht weiterkommt und immer wieder und wieder in den gleichen Schwierigkeiten steckt, dann ist das auch ein Zeichen für die erlittene Schwächung.
Anderen zu helfen, ist eine sehr gute und freundliche Absicht, aber manchmal neigen wir wirklich dazu, das zu übertreiben.

Es reicht, wenn wir unseren Kindern einen Tip geben, wir müssen sie nicht durch das Ziel tragen

Wenn es nun aber wirklich so viel gibt, das Sie erzählen möchten, wenn Sie so viele wunderbare Einsichten in Ihrem Leben gehabt haben und so viel Weisheit angesammelt, die den Mitmenschen nützlich sein kann, dann teilen Sie es doch denen mit, die es gern hören möchten, schreiben Sie ein Buch. Damit meine ich nicht unbedingt ein Buch zur Veröffentlichung, sondern ein ganz privates Vermächtnis, das innerhalb des eigenen Familien- und Bekanntenkreises an die jungen Menschen weitergereicht werden kann, wenn diese sich dafür interessieren.
Ich selbst habe auch einmal so ein Vermächtnis erhalten, als ich noch jung war, und es hat mich sehr gefreut und es hat mir auch geholfen, weil ich es mit Interesse gelesen habe.
Schreiben Sie also Ihre Erfahrungen auf. Schreiben Sie mit Ihren eigenen Worten auf, was Sie erlebt haben und was Sie daraus lernten.

Lassen Sie jene in Ruhe, die keinen Rat wollen, respektieren Sie ihr Schicksal, aber verschenken Sie Ihr ganz persönliches Weisheits- und Lebensbuch an Ihre wirklichen Erben.
Das ist ein königliches Geschenk.

Artikel: Bioline-Magazin (Kim Barkmann)


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