Soja, das Fleisch, das auf dem Felde wächst Histamine und Allergien
Apr 29

Großmut erfordert, wie das Wort es deutlich ausdrückt: großen Mut.
Irgendwie ist uns dieser bei unseren Großeltern so hoch im Kurs stehende Ehrbegriff nahezu verloren gegangen.
Da wird mit allen Mitteln gekämpft. Recht haben und das eigene Recht beweisen ist allererstes Anliegen. Wir sehen es täglich in der Politik. Um das eigene Ansehen, die gefährdete Position zu retten oder zu stabilisieren, werden alle Waffen eingesetzt. Schläge weit unter die Gürtellinie gehören zu den gebräuchlichen Gepflogenheiten.
Verzeihen, oder sich gar die subjektive Einstellung der Gegenseite zu betrachten, gehört offenbar nicht mehr zu den gängigen Spielregeln.


Von besonders kleinlichem Geist aber zeugt es, wenn die Sieger nicht bereit sind, den Unterlegenen großmütig die Hand zu reichen und ihre Verdienste zu würdigen. Da wird statt dessen triumphiert und es werden Seitenhiebe versetzt. Versäumnisse müssen sorgfältig aufgerechnet sein. Auf dem am Boden Liegenden muß noch einmal kräftig nachgetreten werden. Man gönnt sich ja sonst nichts…

Auch in unserem Alltag scheint eine solche Abwicklung mehr und mehr  zum Selbstverständnis zu mutieren.
Halten wir alle nicht immer wieder krampfhaft fest an unserem gewohnten Standpunkt?
Ein Erlebnis mit einer Bekannten hat mir diesen sehr menschlichen Schwachpunkt in unserer Gesellschaft einmal mehr vor Augen geführt.

Ich kenne Helga G. schon länger als 20 Jahre. Sie ist heute schon Mitte 60 und lebt alleine, 3 Kinder hat sie bestens auf den Lebensweg gebracht, so daß diese heute ein erfolgreiches und eigenständiges Leben führen können. Zu eigenständig, wie meine Bekannte findet.
Denn die erwachsenen Söhne und die Tochter kümmern sich um ihre Mutter kaum noch. Man sprach sogar z.T. über mehrere Jahre hinweg nicht miteinander.
In langen Gesprächen versuchte ich Helga G. zu verdeutlichen, daß sie selbst die Ursache für diese große Distanz zwischen sich und ihren Kindern immer wieder neu verursacht und weiter hegt und pflegt.

Helga G. ist nämlich sehr stolz darauf, daß sie „kein Blatt vor den Mund nimmt“ und ehrlich immer ihre Meinung sagt. In der Praxis sieht das so aus, daß sie zu allen Geschehnissen, auch zu den Familienangelegenheiten ihrer Kinder, völlig ungefragt ihre Kommentare äußert. Ohne jede Diplomatie versteht sich.
Ich versuchte, meiner halsstarrigen Bekannten wieder und immer wieder klar zu machen, daß es sie nichts, aber auch gar nichts angeht, wie ihre Kinder ihr Schicksal erledigen.
Helga G. aber hat sich ein so unverrückbares Bestehen auf die eigene Meinung schon vor vielen Jahren derart angewöhnt, so daß es ihr sehr schwer fällt, nun davon abzurücken und sei es nur um wenige Zentimeter.

Als alleinerziehende Mutter war sie immer berufstätig gewesen. Als Krankenschwester arbeitete sie oft Nachtschicht, um ihre Kinder über den Tag gut versorgen zu können. Dabei fehlte das Geld an allen Ecken und Enden. Da blieb es nicht aus, daß die Mutter die eigenen Wünsche zurücksteckte. Sie funktionierte über viele, viele Jahre hinweg nur noch als Muttertier, an die berühmte Selbstverwirklichung war nicht zu denken. Übermäßig streng, glaubte sie ihre lebhafte Rasselbande nur durch Disziplin und Strenge zusammenhalten zu können.


So konnte es passieren, daß Nachsicht und Großmut im Laufe der Zeit so ziemlich auf der Strecke blieben.
Eine der Enkeltöchter allerdings, ein zwischenzeitlich 17jähriger Teenager, mochte die Oma durchaus gerne. Sie sah in ihr einen eher schrulligen Haudegen, der halt immer alles besser wissen mußte. Bis es zu dem denkwürdigen Weihnachten kam, an dem das Enkelkind völlig vergessen hatte, der Großmutter das liebevoll vorbereitete Geschenk vorbei zu bringen. Das kam erst im Februar. Strahlend überreicht, wurde es schroff zurückgewiesen: „Wenn Du Weihnachten nicht an mich gedacht hast, brauchst Du das jetzt auch nicht nachzuholen.“ Erschrocken zog das Mädchen ab. Einige Tage später erhielt sie einen Brief ihrer Großmutter, in dem diese ihr noch mal ihre ganze Enttäuschung, ja ihre Bitterkeit darlegte. Der Brief endete mit dem Satz „das vergesse ich Dir nie!“.

Die Folge dieser Aktion war nun auch eine Sendepause in der Kommunikation mit der Enkelin.
„Mein Gott,“ versuche ich auf meine Bekannte einzureden, „was ist schon dabei. Sie hat in ihrem Alter eben gelegentlich andere Dinge im Kopf als ihre Familienverpflichtungen. Reich ihr einfach die Hand. Bau ihr eine Brücke. Am meisten bestrafst du doch jetzt Dich selbst.“
Dies war ein guter Anlaß, meiner Helga G. den Begriff Großmut nahezubringen. Freilich braucht es dafür großen Mut. Den Mut nämlich, über den eigenen Schatten zu springen. Recht haben – müssen ist absolut überflüssig. Es trennt die Menschen.
Was ist dabei, es den anderen ganz leicht zu machen. Setzen wir eine ähnliche Trotzhaltung auch bei der Gegenseite voraus – schon wachsen Fronten, die nur schwer wieder aufzulösen sind.

Ein kleiner Zaubersatz wirkt Wunder:
Ich habe die ganze Sache mal von Deinem Standpunkt aus betrachtet. Von daher verstehe ich Dich jetzt besser.
Habe ich mir ganz umsonst Fusseln an den Mund geredet? Denn meine Gesprächspartnerin war absolut uneinsichtig. Zunächst jedenfalls.

Heute allerdings ist sie wieder im Gespräch mit ihren Enkelkindern und mit ihren Kindern auch, wie sie mir neulich strahlend erzählte.
Hat sie also doch großen Mut aufgebracht? Es sieht ganz so aus.

Artikel: Bioline-Magazin


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