Um 70 Pfund ER–leichter–T Der Rückfall, beinahe hätte er mich überholt
Nov 21

An den Menschen, die in meine Seminare kommen oder Sitzungen bei mir nehmen, fällt mir immer wieder eine Sache deutlich auf: Sie alle sind mit sich selber immer viel zu streng und auf alle Fälle viel strenger als mit anderen.
Während sie bei anderen großzügig freundlichere Maßstäbe ansetzen, verzeihen sich die Menschen ihre eigenen Fehler immer viel schwerer und selbst ganz kleine unbedeutende Schwächen werden angerechnet. Die Folge ist ständige Selbstkritik und Unzufriedenheit mit sich selbst.


Selbstkritik, wenn sie in der hier eben beschriebenen Form stattfindet, schwächt.
An und für sich ist ein wenig echte Selbstkritik natürlich sehr gut, ja sogar unabdingbar. Wenn wir etwas falsch gemacht haben, dann sollten wir das auch vor uns selbst bekennen können. Wir dürfen nicht nur auf anderen Menschen herumtrampeln, sie beschimpfen und beleidigen und hinterher sagen: „Tut mir leid, aber Selbstkritik würde mich schwächen“. So habe ich das also nicht gemeint. Ich nenne es dennoch lieber: Ehrlich sein mit sich selbst. Dazu rate ich jedem Menschen sehr.
Diese Ehrlichkeit mit sich selbst ist jedoch ganz etwas anderes als die beständige Selbstkritik, zu der die Menschen neigen. Sie nehmen all ihre kleinen Fehler einfach viel zu ernst.

Stelle man sich vor, eine berufstätige Mutter kommt von der Arbeit nach Hause, hat im Büro nicht alles geschafft, was eigentlich auf ihrem Plan stand, der Chef hat gemeckert, beim Einkauf auf dem Rückweg wurde sie von der Verkäuferin schnippisch behandelt, müde und erschöpft betritt sie die Wohnung und ihr kleiner Sohn stürmt sofort auf sie zu und will ein Kindergartenproblem mit ihr besprechen. Gestresst fährt sie ihn an, er solle sie wenigstens einen Moment lang in Ruhe lassen. Der Kleine wandert daraufhin beleidigt ins Kinderzimmer ab, und die erschöpfte Frau sitzt im Wohnzimmer und nimmt es sich übel, so reagiert zu haben.
Das aber ist unangebracht hart und gnadenlos.
Sicher, für den Kleinen wäre es schöner gewesen, wenn seine Mutter lachend und voller guter Energie, wie die Mütter in der Fernsehwerbung, ins Haus gehüpft wäre und sich sofort liebevoll um ihn gekümmert hätte, als wäre er das einzig Wichtige auf der Welt.

Aber so funktioniert das Leben in Wirklichkeit ja gar nicht

Die Werbung, das wissen wir alle, spiegelt uns ein unrealistisches Bild des häuslichen Familienlebens wieder. Weshalb also nehmen wir es uns dann so übel, wenn wir nicht alle wie die Supermütter und Superväter sind?

Ein anderes Beispiel zeigt, wie sich dasselbe Muster auch in unseren Gefühlen wiederfindet:
Eine Klientin erzählte mir, dass ihr Partner sich von ihr getrennt hätte. Sie waren im Frieden auseinander gegangen, obwohl sie ihm noch sehr nachtrauerte. Nun hatte er aber eine neue Beziehung, ausgerechnet mit ihrer Freundin, angefangen. Sie empfand heimliche Eifersucht und fühlte sich auch ein wenig verraten von der Freundin. Zugleich war sie aber auch der Ansicht, sie hätte kein Recht auf diese Gefühle.
„Ich wünsche ihm doch alles Gute für sein Leben“, sagte sie mir ganz ratlos, „warum kann ich mich dann nicht für ihn freuen?“

Ohne Rücksicht auf das eigene Leid, ohne Gnade für sich selbst, empfand sie sich als schuldig, so als ob man dem Herzen befehlen könne, was es zu fühlen habe, und als hätte sie kein Recht, traurig zu sein

Solche Maßstäbe messen uns Menschen nicht, sondern sie verletzen uns stattdessen.
Ich möchte diese Gelegenheit hier nutzen, um einmal ganz klar zu beschreiben, wie wir wirklich sind.

Denn in Wahrheit sind wir einfach großartig

Sehen wir uns ein kleines Kind an, sagen wir einen Buben, der das Laufen lernt. Er macht die allerersten eigenen Schritte in seinem Leben.
Zuerst greift der Bub nach der Tischkante und zieht sich daran hoch. Weil er noch so klein ist und seine Ärmchen noch so schwach, ist das eine richtig große Aufgabe für ihn. Er kann seine Bewegungen noch nicht so perfekt koordinieren wie ein Erwachsener, denn alles will gelernt sein. Erst einmal muss es ihm gelingen, die Tischkante richtig zu packen zu bekommen. Dann zieht er sich hoch und es kostet ihn alle Kraft, die seine Ärmchen hergeben. Das ist eine gewaltige sportliche Leistung, sich selbst in den aufrechten Stand zu befördern. Und dann, wenn er tatsächlich losläuft, kostet es ihn die allergrößte Konzentration, aufrecht zu gehen und nicht nach irgendeiner Seite zu kippen.
Was da alles dazugehört! Kraft, Aufmerksamkeit, Balance, Koordination von Hand, Arm, Auge, Körper, Beinchen und Füßchen. Für uns Erwachsene ist das normal, aber für den Knaben, dessen erste Schritte es sind, ist es eine riesige Leistung. Und für gewöhnlich honorieren wir das auch mit Beifall.
Die Mama ist begeistert und lobt ihn sehr für seine ersten Lauferfolge. Abends wird das gleich dem Papa vorgeführt und ebenso jedem Besucher. Und jeder Besucher klatscht Beifall und ruft begeistert: „Großartig, du kannst ja schon laufen. Du bist aber ein toller Bub.“


Wenn es sich um ein kleines Kind handelt, dann würdigen wir die Relationen zwischen der Leistung und der dahinter stehenden Bemühung

Bei uns selbst aber reagieren wir ganz anders
Sehen wir uns einmal als Beispiel das Erlebnis einer Seminarleiterin an. Sie steht unter Stress, alles läuft schief, anders als geplant. Die Helfer sind nicht rechtzeitig aufgetaucht, der Kaffee, der vor Beginn der Veranstaltung angeboten werden sollte, ist noch nicht einmal gekocht, obwohl schon alle Seminarteilnehmer da sind. Sie stellen schon alle möglichen Fragen, für die die Leiterin Zeit gehabt hätte, wenn sie jetzt nicht stattdessen die Aufgaben ihrer Helfer hätte erledigen müssen. So macht sie sich Sorgen darüber, dass es den Leuten nicht gefällt, dass sie vielleicht schlecht von ihr denken, weil ihre Organisation mangelhaft erscheint.
Sie läuft geistig und emotional auf Hochtouren, alles schnell auf die Reihe kriegen, hier etwas beantworten, dort etwas erklären, hier einem Ruf folgen, dort zeigen, wo der Kaffee im Schrank steht.
Alle rufen gleichzeitig nach ihr und dann auch noch der Nachbar an der Tür! Muss er ausgerechnet heute diskutieren wollen, und muss denn der Ehemann gerade jetzt anrufen?
Die Seminarleiterin koordiniert, denkt, spricht, hört zu, beantwortet Fragen, ergänzt hier und dort etwas, plant im Voraus für die Pause, hat ihren Seminarplan im Kopf, geht auf Bedürfnisse ein, müht sich ab, geduldig und gelassen zu bleiben, reißt sich zusammen, um freundlich und professionell mit den Teilnehmern umzugehen, unterdrückt ihren Ärger, weil die Helfer sie im Stich gelassen haben – sie hat eine Fülle von geistigen, emotionalen und auch praktischen Prozessen gleichzeitig zu bewältigen.

Und auf einmal ist es ein Prozess zu viel. Wie bei einem Computer, dessen Speichergrenze erreicht ist, ist auch ihre Koordinationsgrenze erreicht. Sie wird ungeduldig und schroff, wenn auch nur für einen kurzen Moment

Ist das nicht ganz genau so, als wenn der Bub, der seine ersten Schritte tut, nach ein paar Schritten auf den Podex fällt? Bei seinem ersten Versuch waren es vielleicht nur fünf Schritte, mehr waren nicht möglich. Und so ist es mit uns Erwachsenen auch.
Wir können als Menschen nur eine gewisse Anzahl verschiedener Prozesse zur gleichen Zeit bewältigen, mehr „Schaltkreise“ haben wir nun einmal nicht.

Und wenn uns dann mal eine Sicherung durchbrennt, ist das einfach normal und keine Sünde

Es ist eben so normal, wie wenn das Kind beim Laufen lernen ab und zu hinfällt. Aber bei dem Kind achten wir nicht auf das Hinfallen. Wir zählen nicht, wie oft das Kind gefallen ist, sondern wie viele Schritte es geschafft hat. Wir schimpfen nicht, weil es auf den Po geplumpst ist, sondern loben es für seinen Erfolg.
Wie wäre es, wenn wir das auch einmal mit uns selbst tun würden? Anstatt uns den kleinen Ausrutscher übel zu nehmen, können wir uns doch einmal vor Augen führen, wie groß unsere tatsächliche Leistung war, bis es zu diesem Ausrutscher gekommen ist.
Die Mutter zum Beispiel, die erschöpft von der Arbeit nach Hause kommt und nicht gleich in der Lage ist, sich liebevoll um das Kind zu kümmern, was hat sie heute bereits alles geleistet? Sie ist in der Frühe aufgestanden, sicherlich noch sehr müde, ist mit dem Auto durch den Berufsverkehr zur Arbeit gefahren (Hunderte von geistigen Prozessen waren dazu nötig), hat den ganzen Tag gedacht, geschrieben, gelesen, gesprochen, zugehört, hat Botschaften empfangen und Mails versendet, hat sich am Telefon mit anderen Menschen auseinandergesetzt, hat sich dem Chef und seiner üblen Laune gestellt, ist müde wieder nach Hause gefahren, dabei kurz noch im Supermarkt eingekehrt, hier hat sie wieder zahllose geistige Prozesse vollzogen bei der Auswahl der Nahrungsmittel und der Vorratsplanung, wurde durch die zickige Verkäuferin (ebenfalls eine Frau unter Stress) aus der Fassung gebracht, hat an der Kasse den Verlauf des Nachmittags durchdacht und schließlich die rettende Oase der eigenen Wohnung erreicht, wo der Stress für sie allerdings nicht aufgehört hat, sondern sogleich weiterging.
Das war ein kleiner Stressmoment zu viel. Ihre Sicherung brannte kurzfristig durch.
Was diese Frau nur an diesem einen Tag hinter sich gebracht hat, ist beileibe nicht wenig.
Menschen, die vor ein paar hundert Jahren gelebt haben, wären dazu überhaupt nicht fähig gewesen. Keine Generation vor uns musste so viele Dinge lernen, wissen und kennen wie wir heute. Keine Generation vor uns wurde vor die Herausforderung gestellt, einer derartigen Informationsflut standhalten zu müssen.

Warum sehen wir nicht, wie unglaublich bewundernswert wir tatsächlich sind? Wir fahren Auto, fliegen Flugzeuge, bewältigen täglich Unmengen von Informationen, surfen im Internet, lernen täglich neue Worte für unsere Sprache wie etwa: Pin-Code, Ich-AG, Browser, ABS, Internet-Provider und vieles mehr

Ähnlich wie das Kleinkind, das alle seine Konzentration benötigt, um bei seinen ersten Schritten das Gleichgewicht zu halten, brauchen auch wir alle unsere Konzentration, um dieses umfangreiche Wissen gleichzeitig im Kopf und präsent zu behalten.
Wir haben es nicht leicht, obwohl wir uns das manchmal einreden. Wir sagen uns, dass unser Leben heutzutage bequem geworden ist. Aber so bequem ist es gar nicht. Kein Mensch im Mittelalter oder in der Renaissance musste wissen, wie man im Internet eine Information findet, wie man auf dem Flughafen von Seattle das Shuttlenetz benutzt, wie man in der Pariser Metro von einem Punkt zum anderen findet, wie man eine perfekte Bewerbung schreibt und sich beim Vorstellungsgespräch richtig in Szene setzt, wie man eine SMS verschickt oder eine Multifunktions-Küchenmaschine bedient.

Was wir alles wissen müssen ist gewaltig, und ebenso gewaltig ist unsere Leistung. Es ist in Ordnung, wenn wir danach streben, noch bessere und liebevollere Menschen zu werden, aber wir dürfen uns nicht mit so viel Selbstkritik fertig machen angesichts unserer tatsächlichen Größe

Setzen Sie sich doch einfach einmal hin und betrachten Sie, welche Leistung Sie heute schon vollbracht haben und welche Leistungen Sie tagtäglich immer wieder vollbringen.
Gehen Sie gut mit sich um, beachten Sie nicht mehr immer nur Ihre kleinen Fehler, sondern geben Sie sich und anderen Lob für das Erreichte.
Es ist auch sehr hilfreich, wenn Sie damit beginnen, ein Erfolgstagebuch zu schreiben. In diesem Tagebuch schreiben Sie jeden Abend auf, was Sie geschafft haben, welchen Mut Sie aufgebracht haben, um sich einer Herausforderung zu stellen, was Sie überwunden haben, was Sie gelernt haben, was man Ihnen geschenkt hat und welche Komplimente Sie bekamen.
Wenn Sie dann wieder einmal einen Tag erwischt haben, an dem Sie sich wie ein Versager vorkommen, lesen Sie ein wenig in diesem Erfolgstagebuch, und Sie werden sich auf der Stelle besser fühlen.

Wir müssen wieder lernen, uns selbst positiv zu sehen, den Blick auf das Erreichte zu richten und nicht immer nur auf das, was wir gerade nicht geschafft haben

Jeder von uns hat den gleichen Beifall und das gleiche Lob verdient wie der Bub, der seine ersten Schritte tut.
Denn in Wahrheit ist unser Lebensweg ein Erfolgsweg, auf dem an jedem Tag, in jedem Monat, in jedem Jahr Hindernisse beseitigt wurden und Lernaufgaben bewältigt werden konnten.
Sehen Sie sich also mit positiven Augen. Statt sich für kleine Schwächen schuldbewusst selbst nieder zu machen, loben Sie sich lieber für jeden noch so kleinen Erfolg im täglichen Leben. Auf diese Weise vermeiden Sie es, sich zu schwächen und stärken sich stattdessen selbst jedes Mal ein bisschen mehr.
Eine solche Stärkung wirkt sich auf Ihr Selbstbewusstsein, ja auf Ihr ganzes Seelenleben genauso aus wie auf Ihre Gesundheit. Wer einverstanden ist mit sich, mit seinem Denken und Handeln, unterstützt damit auch sein Immunsystem und schützt sich dadurch gegen Krankheiten.

Loben Sie sich so oft es geht. Sie werden ganz von selbst feststellen: Sie sind einfach großartig!

Autorin: Kim Barkmann
Lebensberaterin, Altensalzwedel
Bücher von Kim Barkmann


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