Die Poolnudel Peperonata mit Hackbratlingen
Mai 02

Oder die Entstehung von Migräne
Im Laufe der Zeit sind eine Reihe von Menschen z.B. mit Migräne zu mir gekommen. Das und die Tatsache, daß ich selbst früher auch darunter gelitten habe, war Grund genug für mich, dieses Problem einmal eingehender zu beobachten.
Aufgefallen ist mir dabei zunächst, daß Migräne durch Überbelastung entsteht, und zwar eher körperliche Überbelastung, weniger seelische. Seelische Überanstrengung erzeugt nach meiner Auffassung zumeist andere Krankheitsphänomene.

Als ich noch Studentin war, finanzierte ich mein Studium selbst, indem ich nebenbei an der Volkshochschule Deutschunterricht gab. Diese Kurse fanden immer dienstags und donnerstags am Nachmittag und Abend statt. Meine Migräne trat auch immer nur an diesen Tagen auf. Sie war erträglich, wenn ich mich nicht bewegte, sondern ruhte. Doch genau das war mir dann nicht möglich. Ich mußte mit dem Fahrrad von der Universität zu meinem Arbeitsplatz fahren und mehrere Stunden lang unterrichten.
Dabei mochte ich meine Arbeit gern. Es war eine interessante Tätigkeit, die mir großen Spaß machte. Warum litt ich trotzdem immer genau dann unter der Migräne, wenn ich diese Arbeit tun sollte?
Das hängt nach meinem Wissen mit unserem menschlichen Leistungs- rhythmus zusammen. Wir Menschen sind nicht zu jeder Stunde des Tages gleichermaßen leistungsfähig.


Unsere Kraft folgt einem auf- und abschwingenden Rhythmus, der von Mensch zu Mensch verschieden ist

Ich selbst bin ein Morgenmensch. Vormittags um 10 Uhr bin ich in Höchstform. Nachmittags um 16 Uhr fühle ich mich eher müde und am Abend, so gegen 18 Uhr habe ich noch einmal ein zweites, etwas kleineres Leistungshoch.
Eigentlich sollten wir all die Arbeiten, die unsere ganze Kraft beanspruchen, immer auf die Zeitpunkte verlegen, wo wir unsere Leistungshochs haben. Aber diese Zeiten sind von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Mein Bruder zum Beispiel ist ein Nachtmensch. Wenn ich anfange abzubauen, baut er auf, und in der Nacht hat er seine beste Zeit.
Es liegt auf der Hand, daß unsere Gesellschaft, so wie sie eingerichtet ist, kaum auf diese Leistungsrhythmen eingehen kann. In einer Firma müssen alle zur gleichen Zeit fit sein und zusammenarbeiten. Auch die Schule kann nicht auf Kinder eingehen, die tagsüber müde sind und nachts aktiv.
Ein Teil meiner damaligen Migräneprobleme hatte damit zu tun, daß ich mich immer genau um 16 Uhr, wenn meine Energie gerade auf ihrem Tiefpunkt war, auf mein Fahrrad schwingen und zur Arbeit fahren mußte.
Es war also nicht die Arbeit selbst, sondern die Tatsache, daß ich nicht zu der Zeit ruhen konnte, da mein Körper nach Ruhe verlangte, die mir buchstäblich Kopfschmerzen bereitete.
Aber da ist noch mehr.

Unsere Gesellschaft fordert heutzutage so viel Leistung von uns, daß viele Menschen keine Gelegenheit mehr bekommen, überhaupt erst einmal herauszufinden, wo ihre persönlichen Leistungshochs und Leistungstiefs sitzen


Wenn wir durchgehend belastet sind und in einem permanenten Zustand der Dauererschöpfung herumlaufen, dann sind wir auch zu unserer Hochzeit müde und haben nicht den Eindruck, gerade besonders leistungsfähig zu sein.
Ich kann hier nur den Rat geben, im Urlaub einmal darauf zu achten, wann Ihr Körper und Ihr Geist aktiv sein möchte und wann Entspannung erforderlich ist. Finden Sie heraus, indem Sie sich selbst beobachten, wie Ihre natürliche Leistungskurve verläuft.
Und wenn es sich irgendwie einrichten läßt, verlegen Sie die größten Herausforderungen des Tages auf jene Momente, wo Ihre Leistungskurve nach oben schnellt.
Das allein reicht jedoch noch nicht aus, um eine Migräne zu besiegen. Wir sollten insgesamt weniger Belastung tragen, um gesünder zu sein.
Hier greift meine zweite Beobachtung.
Es gibt eine Menge Menschen, die sich viel um die Probleme und Sorgen anderer kümmern. Dies geschieht aus Liebe, kein Zweifel, kann aber dennoch zu einer großen Belastung werden.
In früheren Zeiten war diese Belastung aufgeteilt. Es gab Menschen, die trugen Verantwortung, und es gab Menschen, die dienten. Diejenigen, die die Verantwortung trugen und damit auch die Sorge ums Überleben der Gemeinschaft, wurden meistens bedient. Die Diener ihrerseits hatten die ganze Arbeit, brauchten sich aber dafür nicht um die Verantwortung zu sorgen. Sie mußten nur ihre Arbeit gut machen. Das war alles.
Ich habe in meinem Leben schon beide Rollen gespielt. Ich habe gedient und ich trug Verantwortung. Beides hat seine Vor- und Nachteile, ist aber akzeptabel.
Überbelastung jedoch entsteht, wenn wir beides zugleich tun. Und das kennzeichnet alle Migräneklienten, die zu mir gekommen sind. Es waren durch die Bank Menschen, die die Verantwortung für ihre ganze Familie oder für ein Unternehmen trugen, die aber zugleich einen dienenden Charakter aufwiesen, also die Tendenz, sich um Menschen zu kümmern, die krank, depressiv oder pflegebedürftig sind.
So hatte ich beispielsweise kürzlich eine Migräneklientin, die einer ganztägigen Arbeit nachging, mit der sie ihre Familie ernährte. Nach der Arbeit ging sie einkaufen für drei Haushalte, ihren eigenen, den ihres alkoholkranken Sohnes und den ihrer beiden pflegebedürftigen Eltern. Dann ging sie bei ihren Eltern abwaschen und putzen und sorgte für beide, kam nach Hause und kümmerte sich um ihre Familie. Und wenn sie an einem Sonntagmorgen vielleicht einmal ausschlafen wollte, klingelte das Telefon und ihre verzweifelte Mutter war am anderen Ende der Leitung und berichtete, daß der Vater gestürzt war oder etwas ähnliches.
Diese Frau litt unter einer so schweren Migräne, daß sich bereits Lähmungserscheinungen an mehreren Körperstellen eingestellt hatten.

Die Botschaft dieser Lähmungen ist eindeutig. Ihr Körper sagt ihr: „Ich lege Dich lahm, wenn Du nicht freiwillig aufhörst.“

Aber wo aufhören und wie? Wen soll sie fallen lassen? Den Sohn, die Eltern, ihren eigenen Haushalt?
Es ist sehr liebevoll von ihr, daß sie sich um alle kümmert. Sie dient ihrer Familie. Aber gleichzeitig trägt sie auch die Verantwortung für alle, und das ist schlichtweg zuviel.
In früheren Zeiten wären die Eltern auch von der Familie gepflegt und gewiß nicht in ein Altersheim abgeschoben worden, aber zu jenen Zeiten wären da auch viele Verwandte gewesen, Vettern, Schwiegertöchter, Onkel und Tanten, Schwestern, Brüder, Söhne und Töchter. Die Last der Pflege hätte auf den Schultern aller gemeinsam geruht, mit anderen Worten: Es wäre die Gemeinschaft gewesen, die die Last getragen hätte, nicht eine einzelne Person.

Wir Menschen haben unsere Gesellschaftsform geändert. Wir leben nicht mehr in Großfamilien, aber wir verhalten uns noch immer so.

Es lohnt sich, diesem Gedanken noch einmal mit mir zusammen nachzugehen.
Wir haben hier also eine menschliche Verhaltensweise, die darin besteht, sich um bedürftige Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft zu kümmern. Und wir haben hier eine gesellschaftliche Struktur, die dieses Verhalten eigentlich gar nicht mehr zuläßt.
Da liegt unser Problem in Wahrheit.

Die moderne Leistungsgesellschaft, insbesondere in Zeiten der Rezession, fordert 100 % Leistung von uns.

Wenn wir Angestellte sind und acht Stunden pro Tag arbeiten, erwartet unser Chef von uns auch acht Stunden volle Leistung. Ein Hinweis auf unsere persönliche Leistungskurve wäre sicherlich kein Argument für ihn.
Aber auch nach der Arbeit müssen wir noch weiter Leistung erbringen, denn dann kommen die Einkäufe und Besorgungen, der Hausputz, die Kinder, das Kochen oder der Garten. Dazu kommen dann noch die üblichen unerwarteten Zusatzbeschäftigungen, etwa, daß der kleine Sohn zum Zahnarzt muß oder die Katze zum Tierarzt, Gespräche mit Versicherungsvertretern, Besuche bei den Eltern, Urkunden fotokopieren im Supermarkt, das Auto reparieren, mit dem Heizungsmonteur in den Heizungskeller gehen, den Fernseher zur Werkstatt bringen, das neue Bügeleisen, das kaputt in der Verpackung war, wieder zurückbringen, der Elternabend unserer Tochter, das Fußballspiel des Sohnes und so weiter. Wir sind voll ausgelastet.
Die Selbständigen unter uns sogar noch mehr als das. Für Selbständige hat der Arbeitstag meistens 15 Stunden.

Da ist überhaupt kein Platz mehr für Nächstenliebe

Unsere beste Freundin hat Liebeskummer. Unser Herz möchte sich liebevoll um sie kümmern, aber wann? Und mit welcher Kraft?
Der alte Vater ist auf der Treppe gestürzt, wir müssen zu ihm fahren und ihn zum Arzt bringen, aber das geht nur, wenn wir dafür den Kindern kein Essen kochen.
Die Tante liegt im Krankenhaus. Wir möchten sie gern besuchen, aber dafür können wir dann nicht zur Schulaufführung unserer Tochter gehen.

Wir haben uns eine Gesellschaft erschaffen, in der wir weder Kraft noch Zeit haben, den Bedürfnissen des Herzens nachzugehen. Trotzen wir dann diese Zeit dem Schicksal einfach ab, ist Krankheit, sehr oft Migräne, die Folge.

So können wir nicht weitermachen. Wir müssen etwas ändern.
Was wollen wir lieber abschaffen, die Nächstenliebe oder die Überbelastung?
Ich glaube, die Antwort ist klar: Wir müssen etwas gegen die Überbelastung tun.
Natürlich sind hier Maßnahmen im großen Rahmen und auf der politischen Ebene erforderlich. Dafür können wir uns zwar einsetzen, werden jedoch hier keine schnellen Erfolge erzielen.
Aber auf der persönlichen Ebene können wir anfangen.

Die Maßnahmen gegen Überbelastung

  • Wir können lernen, uns Ruhephasen zu gönnen, egal was passiert. Und diese Ruhephasen müssen wir auch unseren Kindern zugestehen. Lehren wir unsere Kinder, sich nicht mehr so zu überlasten, wie wir es noch tun. Dann müssen wir auch lernen, nein zu sagen. Immer wieder höre ich von meinen Klienten, daß sie ihren Vorgesetzten gestatten, sie im Übermaß zu fordern.
  • Lernen Sie, Ihre Leistung einzuschätzen und nein zu sagen, wenn etwas Sie überfordert. Das ist schwer, aber nicht unmöglich.
  • Der dritte Schritt könnte darin bestehen, die besonders schwierigen Arbeiten auf die Zeiten der persönlichen Höchstform zu verlegen. Auf diese Weisen fallen Ihnen diese Arbeiten leichter und werden zugleich auch besser ausgeführt.
  • Und noch ein weiterer Schritt könnte bestehen darin, die Belastungen etwas gerechter in der Familie aufzuteilen. Es muß nicht immer nur die Mutter sein, die sich um die Eltern kümmert. Das kann auch einmal der Schwiegersohn oder der Sohn tun, vielleicht sogar die Nachbarin der Eltern, ein Zivildienstleistender oder eine Altenpflegerin.

Pflegeleistung für die Eltern?
Mitunter haben unsere Eltern ihren gesamten Freundeskreis abgeschafft, haben nun niemanden mehr und sind einsam.
Aber deswegen kann die Tochter nicht die Aufgabe übernehmen, die tägliche Gesellschafterin ihrer Eltern zu werden. Das überfordert die Tochterliebe auf unzulässige Weise. Sie hat ein eigenes Leben, um das sie sich kümmern muß.
Wenn unsere Eltern noch klar denken können, dann können sie auch noch die Verantwortung für einen sozialen Kreis tragen. Sie können sich ihre alten Freunde einladen, die Nachbarin besuchen, Kaffeefahrten machen, in einen Seniorenverein eintreten und viele ähnliche Dinge mehr. Oft tun sie dies jedoch nicht. Sie sitzen ganz alleine und isoliert zu Hause und beklagen es, daß ihre Kinder sich nicht um sie kümmern.

Das wäre in früheren Zeiten anders gewesen. In einer Großfamilie war immer jemand da, um den Alten Gesellschaft zu leisten und die Alten hätten sich um die Kinder gekümmert

Alles aber hat sich verändert.
Ich plädiere auf keinen Fall dafür, den Eltern knallhart zu sagen, daß sie selbst schuld sind an ihrer Einsamkeit. Aber wir können ihnen behutsam Brücken bauen, ihnen auf die Sprünge helfen, indem wir sie zum Beispiel an ihre alten Freunde erinnern.
Wir können nicht als Sohn oder als Tochter ganz allein die soziale Aufgabe tragen, die sonst von einer ganzen Familie, von Freunden, Nachbarn, Vereinskollegen und Freizeiteinrichtungen getragen wird.

Letztlich ist es die Gesellschaft selbst, die sich verändern muß. Sie muß wieder menschenfreundlicher werden.
Aber eine Gesellschaft besteht aus ihren Mitgliedern, den Menschen, und dort können wir anfangen.

Seit ich selbständig bin und mir meine Arbeit einteilen kann, leide ich nicht mehr unter Migräne, und ich lasse mich auch nicht mehr über Gebühr belasten. Manchmal ecke ich ziemlich damit an, aber wir können es nicht jedem Recht machen – zumindest nicht, wenn wir gesund bleiben wollen.

Mein Rat ist also, wieder viel mehr an sich selbst zu denken, damit wir gesund und kraftvoll bleiben. Nur wenn die eigene Batterie immer wieder nachgefüllt wird, können sich auch andere gelegentlich daran anschließen, ohne uns übermäßig zu belasten.

Autorin: Kim Barkmann
Lebensberaterin, Altensalzwedel
Bücher von Kim Barkmann


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