Verzeihen ist die Voraussetzung für Heilung Kräuterwandern
Apr 17

Was hatte ich mich auf italienisches Shopping gefreut. Mamma mia – wie war ich gefrustet, weil für meine Kleidergröße 42 nichts, aber auch gar nichts zu finden war
Ich hatte die einzigartige Gelegenheit, mich in Italien neu einzukleiden. Italien – Armani, Pradi, Pucci, Gucci, Laura Biagotti und Versace. Verlockend klangen sie mir alle in den Ohren. Italien, aber auch das Mekka von Pasta, Olivenöl, und mittendrin die italienische Mamma. Üppig, rund, sicherlich keine Modellfigur.
Betrachtet man die antiken Malereien an Decken, Wänden und Gemälden wird klar, hier gehört das Schlemmen zur Lebenskultur. Die üppigen Körperformen werden hier geachtet statt geächtet. Ich würde mich wohl fühlen unter ihnen. Zierlich geradezu. Ich würde sie genießen, die italienischen Verhältnisse. Für mich und meine Kleidergröße 42 wird es Angebote in Hülle und Fülle geben.
So dachte ich – und dann kam alles ganz anders…

Meine jüngste Tochter zog freudestrahlend für 2 Jahre nach Rom. Das Abitur hatte einen überraschend guten Abschluß gefunden. Nun ging es gen Italien, um durch Auslandsstudium und Erlernen der Sprache die künftige Berufsausübung einzuleiten.
Freilich begleitete ich mein Kind. Ich hatte mir extra 1 Woche Zeit genommen, um behilflich zu sein, eine Bleibe zu finden. Und natürlich um Rom – die monumentale Traumstadt, von der alle Besucher so hingerissen sind, wieder neu zu erobern.
Vor unendlich vielen Jahren (!) hatte ich als junge Frau, frisch verheiratet, dieser Stadt schon einmal meine Aufwartung gemacht. Damals war Jungsein, Schlanksein und dazu noch bildhübsch sein, ein absolutes Selbstverständnis gewesen. Kein Gedanke daran, daß diese Geschenke der Natur ein Verfalldatum haben.
Und der Einkaufsbummel damals auf der Via Veneto war mir noch in glamouröser Erinnerung.
Jahrelang danach noch zehrte mein Kleiderschrank von den damals erstandenen Attributen. Da gab es silberne Sandaletten mit hauchdünnen Riemchen, über und über mit Straß besetzt. Ein Rollkragenpulli im Rippenstrick nur aus Silberfäden war auch noch nach langer Zeit ein absolut modischer Hingucker. Und dann die Unterziehrollis aus reiner Seide und in allen Farben – sie begleiteten mich noch ewig und peppten meine Garderobe auf.

Modeeinkäufe in Rom…!

Ganz genau noch erinnerte ich mich an die damalige modische Glückseligkeit. Das wollte ich unbedingt wieder genauso erleben.
Italien - ich komme. Und dann sollte es ein Shopping der „besonderen Art“ werden.
Komplett einkleiden wollte ich mich in diesem Mekka des Designs.
Schließlich lebe ich heute mitten auf dem Lande. In einer modischen Wüste, wie ich finde. Für ausgedehnte Einkaufsbummel in die entfernten Städte reichte bisher die Zeit einfach nicht. Und offen gestanden, über lange Zeit war auch der Geldbeutel ziemlich schmal. Also wurde der Bedarf praktisch und zeitsparend, bisher anspruchslos zweckmäßig, aber durchaus zufriedenstellend, aus den Angeboten des Versandhandels gedeckt.
Nur, so richtig, sensationell, wie manchmal in den früheren, jüngeren Zeiten, war das alles eben nicht. Es fehlte mir nicht wirklich etwas. Alles war o.k., kleidsam und passend.
Aber die kleine Sehnsucht, etwa nach persönlichem Einkauf, der Qual der Wahl und dem extravaganten Kick, wenn man fündig geworden war, die ist, wenn ich ehrlich sein soll, ziemlich auf der Strecke geblieben.

Nun aber sollte ja alles anders werden
Ich wollte mir so richtig Zeit nehmen für mich. Zwei ganze Tage sollten es unbedingt schon sein.
Was würde ich schwelgen in wunderschönen Stoffen, in Kaschmir, Seide und Leinen. Ich würde mich entzücken lassen von einzigartigen Schnittführungen. Die italienischen Schneider sind schließlich die Besten der Welt und für ihren unverwechselbaren Chic berühmt. Sollte ich mich vielleicht gar für ein Armani-Kostüm entscheiden? Sicher sündhaft teuer, aber relativ zeitlos. Ich würde mich jahrelang daran erfreuen dürfen. Dazu vielleicht ein Seidenblüschen und einen kaschmirweichen Pulli?
Und diese italienischen Strümpfe, so wie damals?
Ich erinnere mich noch gut daran. Viel Aufsehen hatte ich mit den hauchzarten, elegant gemusterten hinreißenden „Nichts“ erregt.
Nein, viel wollte ich jetzt nicht erstehen. Aber einmal eine schöne Basisgarderobe aus Italien, das war mein Traum, dessen Erfüllung nun nahte.

Die modische Wahl konnte beginnen
Voller Erwartung reisten wir also an, meine Tochter und ich. Die ewige Stadt zeigte sich uns bei glitzerndem Sonnenwetter in ihrer goldglänzenden und steinernen Pracht. Überwältigend!
Nach geschäftigen drei Tagen, die mit Zimmersuche, Erkundigungen und Anmeldungen gefüllt waren, konnte ich mich loseisen.
Endlich!
Unser altes, schönes Hotel lag in der eindrucksvollen Via de Corso. Hier sollte die Suche nach meinem neuen Outfit beginnen. Hoffnungsvoll musterte ich diverse Schaufenster. Alles sehr modisch und bezaubernd, was da so dekoriert war. Aber ganz offensichtlich war hier noch nicht die passende Einkaufsgegend für mich. Die Mode war sehr jung und, wie mir schien, ausschließlich in allerkleinsten Größen. So betrat ich diese Geschäfte nur zögernd und musterte etwas enttäuscht die Kollektionen. Nein, hier konnte ich nicht fündig werden.
Ich sollte jetzt besser den Empfehlungen des Stadtführers folgen.
Mein Weg führte demnach also in die berühmte Einkaufsstraße Via Frattina. Rechts und links die verlockendsten Boutiquen und Läden. Extravagante Mode, zauberhafte Schuhe.
Ich guckte hier und dort. Gefiel mir mal etwas, guckte mich die zuständige Verkäuferin verständnislos an.

Alle Modelle gab es nur in Feen-Größen. Solche „Normalos“, wie ich es war, schienen nicht vorgesehen zu sein in dieser Gegend

Na macht nichts, ich wollte mir ohnehin ein Paar Edelteile leisten. Also auf in die Via Condotti, kurz vor der spanischen Treppe. Dort residierten die großen Modenamen. Die Geschäftsräume waren hier zumeist in puristischem Design gehalten. Weiße, nackte Wände, wenig Modelle baumelten an mattsilbrigen Kleiderständern und gestylte, gertenschlanke Modells (oder sahen so Verkäuferinnen aus?), staksten durch die nahezu leeren Räume.
Schüchtern fragte ich nach etwas Passendem in meiner Größe. Mit freundlich hochgezogenen Augenbrauen wurde mir nachsichtig erläutert, daß man die Modelle nur bis Größe 38 führen würde.
Kleidergröße 38…! Mamma mia!
Ein langer Blick auf meine Figur begleitete regelmäßig die „Beratung“ und bedeutete mir, daß ich mit meiner Übergröße sicherlich völlig fehl am Platze sei in den Verkaufstempeln der großen Modekünstler.
Meine Hoffnung auf italienischen Chic schwand mit jedem Blick in die Fenster der Sehnsucht mehr und mehr.
Wo waren die üppigen Italienerinnen, die extravagant gewandet doch auch irgendwo bedient werden wollten?
Ja, wo waren sie denn, die schwellenden Formen der großen Kinostars wie Gina Lollobrigida, Sophia Loren und Claudia Cardinale? Sie schienen Lichtjahre entfernt. Sie hätten im heutigen Mode-Italien wohl kaum Platz. Gehörten vielmehr eher nach „Antikien“.
Und die Frauen auf den Straßen, in den Restaurants und den vielen Läden? Ich staunte.

Die moderne Italienerin ist tatsächlich elfenschlank
Schockiert wurde mir bewußt, daß Figuren wie ich im Stadtbild von Rom kaum vorkommen. In meinen heimischen Gefilden finde ich meine Figur für mein Alter durchaus o.k. Aber hier…?
Modisch entnervt erstand ich dann bei „Luisa Spagnoli“, einem eher damenhaften Modehaus, einen sommerliche Leinenblazer, den ich in Verdacht habe, meine Rundungen eher ungünstig zu offenbaren.
Eines jedoch gab mir Rätsel auf:
Wie machen die Italienerinnen (und auch die italienischen Männer) das nur, daß sie eine so schlanke Taille behalten. Abends sind die Restaurants voll mit schlemmenden, feiernden Menschen. Ganze Familien sind unterwegs und delektieren sich an Menüs mit mehreren Gängen, mit Wein und Desserts. Immer dabei: Pasta und viel Olivenöl.

Meine Tochter, die ich auf ihrem kleinen Einkaufsbummel begleitete, konnte meinen Frust übrigens kaum nachvollziehen.
Sie erstand für ihren Gazellenkörper einen winzigen Minirock, der mal gerade auf der Hüfte hing, einen Hauch von einem Top – bauchfrei versteht sich, ein süßes, taillenkurzes Strickjäckchen und abenteuerliche Sandaletten mit steilen Absätzen.
Mein Seufzen zu diesem lustvollen Einkauf bedeutete die endgültige Resignation. „Die süßen (gertenschlanken) Modeträume sind einfach vorbei“, dachte ich. „Besinne dich auf die Werte der späten Jahre.“ Aber genau die finden eben (leider hauptsächlich) innerlich statt und sind weniger augenfällig.

Etwas Trost bot mir dann ein Besuch von Florenz, ein Jahr später. Da saßen sie dann im berühmtesten Café der Stadt: rassige, bildhübsche italienische Frauen. Lebhaft gestikulierend, üppige Rundungen und todchic gekleidet. Und in Florenz wurde ich dann auch für mich fündig: Ein herrlicher Seidenstoff, zarte italienische Schuhe, in die meine Füße Größe 40 paßten und wunder-, wunderschöne Nachtwäsche. Das waren die Trophäen, die ich stolz nach Hause transportierte.

Meine Enttäuschung ob der römischen Shopping-Odyssee habe ich zwischenzeitlich überwunden. 60 Jahre sind nun mal nicht 25 Jahre. Und um nichts in der Welt möchte ich zu den Herrschaften gehören, die mühsam hungernd und verzichtend ihre Kleidergröße 36 über die (späten) Jahre hinweg behaupten.
Ich finde mich (für mein Alter) total o.k., und die Rundungen stehen mir richtig gut.

Rom ist ganz sicher als Stadt von überwältigender Schönheit. Nur in modischer Hinsicht mußte ich meine Träume leider dort lassen. Dafür gönne ich mir jetzt hierzulande gelegentlich einen Einkaufsbummel mit mehr Zeit. Und siehe da: Man muß ganz und gar nicht in die Ferne schweifen…

 

Autorin: Ingrid Schlieske


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