Seife aus dem Mittelalter Mung-Plätzchen
Apr 10

Einem einzigen Buch verdanke ich tatsächlich eine grundlegende Veränderung meines Lebens – zum Egoisten
Wenn ich Freunden oder Bekannten von meinem „Quantensprung“ durch besagtes Buch erzählte, schaute ich meistens in abwehrende Gesichter. Nein, ein Egoist wollte niemand sein. Also war die Motivation, das empfohlenen Buch zu lesen, nicht allzu groß.
Aber auch das gehörte zu meinen neuen Erkenntnissen: Du bist deutlich beliebter, wenn du ganz selbstlos bist. Wenn du dich vor lauter Nächstenliebe ganz zurückgenommen hast.


Deine Mitmenschen sehen dich gerne als „Opfertier“
Aber lieben sie dich deshalb mehr? Bringen sie dir auch Achtung entgegen?
Ganz im Gegenteil. Wer wertschätzt denn schon einen Gebrauchsgegenstand?
Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich zu dem besagten Buch „Die Kunst, ein Egoist zu sein“ von Josef Kirschner kam. Hatte ich es geschenkt bekommen? War es mir vielleicht durch den provozierenden Titel aufgefallen und es wurde von mir selbst gekauft?
Jedenfalls las ich es zunächst interessiert, dann mit wachsender Spannung.
Ich hatte dabei das Gefühl, der Autor würde seine Worte direkt an mich richten.
Oh, wie war mir das alles bekannt. Ich war doch auch so eine Person, die nie Nein sagen konnte. Kaum hatte der andere seine Sorgen auch nur ausgesprochen, bot ich ihm meine Hilfe schon an.
Überhaupt, ich schien der „Mülleimer der Nation“, zu sein. Jeder raste mit seinen Problemen stehenden Fußes zu mir, schüttete sein Herz aus, und Susi half. Auch dann, wenn ich eigentlich selbst genug zu tragen hatte.
Aber wenn ich ehrlich sein soll, muß ich gestehen, daß mich kaum jemand wirklich direkt um meine Unterstützung bat. Ich selbst war es, die sich jedesmal eifrig und freudig anbot. Ja, meine Antworten kamen oft viel schneller als meine Überlegungen. Denn hätte ich mir Zeit genommen, zu durchdenken, inwieweit ich Helfer sein wollte, wäre ich oft nicht so eilig vorgeprescht.

Auch für meine Kinder tat ich buchstäblich alles
Ich selbst gönnte mir kaum etwas, um ihnen eine gute Schulbildung und später eine entsprechende Ausbildung zu ermöglichen. Als alleinstehende Mutter habe ich manches Finanzierungskunststückchen vollbringen müssen, damit ihnen nie bewußt wurde, wie knapp die Kasse in Wahrheit oft war. Dennoch – ich bin heute noch stolz darauf, wie bravourös ich damals unseren Alltag erledigt habe. Dafür rackerte ich mich ganz schön ab. Mein Kinder dagegen sollten Zeit zum Lernen haben und auch Zeit für sich. Ich wollte ihnen eine schöne Kindheit und Jugend ermöglichen.

Nur ich selbst blieb dabei ziemlich auf der Stecke
Eigentlich existierte und funktionierte ich meistens nur noch. Eingebunden in Pflichten, Erledigungen und Gefallen, die ich anderen Leuten tat.
Ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß ich sehr nette Freunde und Freundinnen hatte. Auch meine Kollegen schätzten mich. Mir kam nicht in den Sinn, daß ich für die meisten von ihnen nur die „Susi-kannst-Du-vielleicht-mal-für-mich…“ war.
Ja, und dann begann für mich die wohl schlimmste Zeit meines Lebens. Ich wurde sehr krank und mußte später mehrfach operiert werden.
Seelisch ging es mir damals ganz schlecht.
Gerne hätte ich mich auch mal so richtig ausgesprochen. Mich an tröstende Schultern angelehnt.
Ich sehnte mich buchstäblich nach etwas Fürsorge und darum, daß man sich jemand um mich kümmerte.
Aber nichts dergleichen passierte.
Rief ich Bekannte selbst an, hatte ich das Gefühl zu stören. Niemand war direkt unfreundlich zu mir. Aber wirklich anteilnehmend erlebte ich weder Freunde noch Kollegen.
„Kein Wunder“, dachte ich. „Du bist ja nur noch ein Häufchen Elend. Wer will denn daran schon Anteil nehmen.“
Die größte Enttäuschung aber bereiteten mir meine Kinder. Nötige Besorgungen wurden nur widerwillig erledigt. Im Haushalt erhielt ich kaum Hilfe. Mühsam quälte ich mich durch die Tage und schaffte alles nur noch mit letzter Kraft.
Für die Kinder fand ich immer wieder Entschuldigungen. Dabei wußte ich genau, daß ich die Beiden sträflich verwöhnt hatte.


Erschrocken waren sie schon, als ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die erste schwere Operation stand an. Die Kinder brachten mich hin, und ich war total gerührt von ihrer Sorge. Schnell waren die Lieblosigkeiten der vergangenen Wochen vergessen.
Elendig lag ich nach überstandenem Eingriff erst auf der Intensivstation, dann in meinem Krankenhauszimmer. Besuch kam laufend für meine Zimmergenossin, nicht aber für mich.
„Sicher will man mich noch schonen“, dachte ich. Aber auch am dritten, vierten, fünften Tag passierte nichts. Dann endlich rief mein Sohn an. Enttäuscht fragte ich ihn, weshalb er sich denn erst heute melden würde. „Ach,“ meinte er, „ich hatte Termine“. Von ihm erfuhr ich überrascht, daß meine Tochter für eine Woche in den Urlaub gefahren sei.
„Na toll,“ dachte ich. Bitterkeit und Enttäuschung breiteten sich in mir aus.
Auch Besuch von anderer Seite - Fehlanzeige.
Nein halt, ich will nicht ungerecht sein. Einmal kam eine Kollegin mit Grüßen von der Belegschaft für ein Viertelstündchen vorbei.

Ich hatte also viel Zeit für meine Gedanken und für das Buch, daß ich als Krankenhauslektüre mitgenommen hatte: Die Kunst, ein Egoist zu sein.

Besonders ein Absatz darin hatte es mir angetan. Der Autor Kirschner beschrieb sinngemäß, daß der Starke, derjenige, der immer alles auf sich genommen hatte, keineswegs mit Dank rechnen könne. Erhebt er einmal Anspruch auf Zeit für sich, benötigt er sich selbst mal ganz für sich alleine, stößt er auf allergrößtes Unverständnis. Da wird dann gesagt: „Ja, wieso denn? Sie/Er hat doch immer alles gemacht. Er/Sie kann doch nicht einfach damit aufhören. Ich habe doch Anspruch darauf…“

Mir war plötzlich bewußt, daß ich, ganz alleine ich es war, die sich die Umwelt so egoistisch geformt hatte. Hatte ich je Ansprüche gestellt? Hatte ich mich je bei meinen Lieben ausgeweint? Hatte ich gestöhnt und geklagt? Hatte ich es gesagt, wenn es mir nicht gut ging?

Vielmehr habe ich meine eigenen Ängste und Nöte immer verborgen. Nur niemanden damit belästigen… Ich habe immer die Starke herausgekehrt. Der alles leicht fiel. Die immer einen Ausweg wußte, auch aus der verfahrensten Situation.

Ich faßte nun den Entschluß. Daß sich mein Leben ab sofort verändern würde.
Kirschner hatte mir auch klar gemacht, daß ich in der Opferposition ein schwacher Mensch bleiben würde.
Und ich hatte immer gemeint, besonders stark zu sein, weil ich so tüchtig war.

Jetzt wußte ich, daß ich mich selbst stärken mußte

Ich wollte es also lernen, zuallererst an mich zu denken. Mit diesem festen Vorsatz verließ ich das Krankenhaus. Allein übrigens, niemand holte mich ab.
Freunde und Bekannte teilten mir freundlich mit, daß sie mich schon vermißt hätten. Aber niemand hatte sich die Mühe gemacht, nachzuforschen, wie es mir ging. Ich begriff, daß es niemand böse gemeint hatte. Meine Umwelt kannte mich ja nur gebend. Niemand war auf die Idee gekommen, daß ich auch mal etwas benötigen könnte.

Nun gut. Jetzt bin ich dran.
Seit dieser Zeit arbeite ich daran, „Nein“ zu sagen. Und zu meiner Überraschung gelingt mir das immer besser.
Die interessante Schlußfolgerung ist, daß ich heute für mein Umfeld wesentlich an Wert gewonnen habe. Dies, seit ich nur noch selten verfügbar bin.
Meine Kinder sagen mir jetzt, nach einer turbulenten Umgewöhnungsphase, daß ich nun deutlich mehr Persönlichkeit hätte als früher. Sie nehmen wesentlich mehr Rücksicht auf mich, als ich das je erwartet hätte. Und sie nehmen staunend zur Kenntnis, daß ich nicht nur Mutter bin, sondern auch ein Partner im Sinne von „Part“, den jeder zu einer Beziehung beitragen muß. Auch zum Thema Eltern/Kinder.
Die wirklich Staunende jedoch bin ich.

Wo habe ich in ehemaligen Zeiten je den Mund aufgemacht und gesagt, was ich brauche?
Statt dessen habe ich insgeheim erwartet, daß die anderen erahnen, wo es bei mir fehlt.
Da ich jedoch „die Starke gegeben habe“, kam niemand auf die Idee, mir jemals behilflich zu sein.

Bin ich jetzt ein Egoist?
Ja und nein. Ich bin heute der wichtigste Mensch für mich. Diese Einstellung hat mir zu einer grundlegenden Persönlichkeitsentwicklung verholfen. Ich bin dadurch selbstbewußter und stärker geworden als je zuvor.
Das wird mich jedoch nicht davon abhalten, meinen Mitmenschen weiter mein Interesse und meine Hilfsbereitschaft entgegen zu bringen.

In Maßen freilich!

Autorin: Ingrid Schlieske


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    Ein Kommentar zu “Die Kunst, ein Egoist zu sein”

    1. Der Mittelpunkt der Welt bin ich | Widerstand schreibt:

      [...] damals ein Egoist, mir dessen nur nicht so bewusst. Gelernt habe ich daraus allerdings, welche positive Wirkung der Egoismus auf mich [...]

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