Lilie der Wüste Sentimentalität
Jun 19

wird durch gemeinsames Klagen verstärkt
Als ich kürzlich mit meinen Freundinnen gemütlich in einem kleinen Bistro der hier ansässigen Kulturszene saß, ließ es sich wegen der Enge nicht vermeiden, dass wir das Gespräch am Nachbartisch mit verfolgen konnten. Eine junge Frau beklagte sich über ihren Partner.

„Diesmal hatte er mir fest versprochen, dass er mir helfen würde, aber dann hat er mich wie immer im Stich gelassen und ich konnte zusehen, wie ich alles alleine organisierte. Und an der Hausarbeit beteiligt er sich natürlich immer noch nicht. Nie hört er richtig zu, wenn ich über unsere Probleme sprechen möchte.“


Und die Freundin stimmte ihr aus vollem Herzen zu. Egal, ob es nun über den Partner oder den Arbeitskollegen ging oder auch den Klassenlehrer ihrer Tochter. Die Männer seien doch alle gleich.
Gemeinsam beklagten die beiden Frauen sich über das Verhalten der anderen und übertrumpften sich geradezu in ihrem Leid.

Gemeinsames Leid schafft Solidarität
Oft reden wir uns bei der guten Freundin alle Sorgen und Nöte von der Seele. Aber wenn wir nur gemeinsam das Klagelied anstimmen, wird sich nichts ändern und wir bleiben unglücklich und frustriert. Ein solches Gespräch bietet jedoch noch mehr Möglichkeiten. Denn ein Mensch, der uns gut kennt und auf unserer Seite steht, kann uns besser unterstützen. Eine gute Freundin kann uns zeigen, wo unser eigener Fehler in der Situation lag, wo unsere persönlichen Schwächen uns an einer zufriedenstellenden Lösung hinderten.
Aber immer wieder stelle ich fest, dass diese Chancen nicht genutzt werden.

In meinen Therapien erfahre ich von Menschen häufig, dass gemeinsames Beklagen oft Bestandteil der freundschaftlichen Gespräche ist. Viele Menschen denken, dass dies Verbundenheit und Verständnis schafft

In der Realität ist es jedoch meist so, dass  die Freundschaft darunter leidet. Denn diese negative Art zu denken und die Welt zu betrachten, ist belastend und raubt jegliche Lebensenergie.
Diesbezüglich erinnere ich mich gut an den Fall einer jungen Frau, die mir zum Abschluss der Therapie über ein Problem mit ihrer besten Freundin berichtete:

„Ich empfinde es inzwischen als eine Belastung, mich mit ihr zu treffen. Früher haben wir oft zusammen gesessen, uns gegenseitig unser Leid geklagt und dabei gemeinsam eine überdimensionale Pralinenschachtel leergefuttert.
Aber seit ich hier einiges gelernt habe und mein Leben aktiv selbst gestalte, fällt es mir sehr schwer, ihr immer wieder aufs Neue zuzuhören, weil sie so gar keine Veränderung zeigt. Seit Jahr und Tag jammert sie nur noch.
Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mit ihr umgehen soll. Einerseits tut sie mir leid und ich fühle mich schrecklich unsensibel, weil ich es einfach nicht mehr hören kann, aber andererseits, wenn ich ganz ehrlich bin, raubt sie mir damit den letzten Nerv. Ich möchte die Freundschaft behalten, aber wie kann ich meiner Freundin helfen, dieses negative Denken aufzugeben?“

Wer nur klagt, nimmt sich jede Möglichkeit der Veränderung

Sicher ist es wichtig, dem anderen einmal das Herz auszuschütten, um Trost und Zuspruch zu erhalten. Manchmal tut es sogar gut, gemeinsam im Selbstmitleid geradezu zu schwelgen.
Aber dabei darf es natürlich nicht bleiben.
Denn wenn wir nur gemeinsam das Klagelied singen, so werden wir uns letztendlich nur kurzfristig besser fühlen. Spätestens in der nächsten Situation werden wir uns aufs Neue in der Position befinden, wo etwas nicht zu unserer Zufriedenheit läuft. Wenn wir nicht versuchen, die Zustände, unter denen wir leiden, zu verändern, wird es uns für den Rest unseres Lebens schlecht gehen.

Wer im Selbstmitleid verbleibt, wird ein Leben lang Grund zur Klage haben

Nun mag dem einen oder anderen diese Aussage aus dem Mund einer mitfühlenden Therapeutin recht  befremdlich erscheinen, da mir doch so viele Menschen ihr Leid klagen. Doch sollten wir bedenken, dass wir uns mit diesem negativen Denken in die ungünstige Position des Opfers begeben.

Wer klagt, ist in der Opferrolle gefangen


Ich verstehe sehr gut, dass viele Menschen sich als Opfer ihres Schicksals fühlen und im Gespräch mit Freunden Verständnis und Zuspruch suchen.

Familien-Studie
Typische Ursache solcher Klagelieder ist übrigens die liebe Familie.
In einer kürzlich erhobenen Untersuchung einer bekannten Frauenzeitschrift stellte sich heraus, dass von 100 Situationen, die zu Jammern und Klagen im Freundeskreis führen, allein 83 durch Familienangehörige ausgelöst werden. Man soll Verwandte besuchen, jemanden anrufen, für jemanden den Chauffeur spielen, man muss nörgelnde Eltern, Kinder, Ehepartner, Schwiegereltern ertragen, hinter jedem herräumen, jeden bedienen, man wird von seinen Angehörigen nicht geachtet und geschätzt, verschwendet seine Zeit an Undankbare und hat unter dem Druck dessen, was die Familie erwartet, kein Privatleben mehr.

Sicher kann ein jeder nachvollziehen, wenn man die gute Freundin bedauert, dass sie solch ein hartes Schicksal hat und gleich fällt einem selbst auch noch einiges ein, was man zu solchen Widrigkeiten des Lebens anmerken kann. Aber dies ist sicherlich nur die erste Reaktion.
Denn wenn man einem Menschen ausschließlich teilnahmsvoll zuhört und sein Leid mit ihm teilt, macht man sich meist nicht klar, dass man genau diesen lieben und guten Menschen in der Opferrolle belässt.

Eine gute Freundin rüttelt wach

Gerade weil eine Freundin mit unserem Leben so vertraut ist und trotzdem ihren eigenen Blickwinkel behalten kann, ist es ihr oft besser möglich, die Zusammenhänge genauer zu erfassen. Häufig erkennen wir, wenn wir gezielter hinschauen, dass es durchaus noch Handlungsmöglichkeiten gegeben hätte.
So wünschte die junge Frau in der Therapie ihrer Freundin natürlich, dass es dieser endlich besser geht und ihr die beklagenswerten Erfahrungen nicht mehr geschehen. Und selbstverständlich war es ihr ein Anliegen, ihr aus diesen Dingen herauszuhelfen. Aber nun reicht es natürlich nicht, gutgemeinte Ratschläge auszuteilen, die irgend wann einmal anderen Menschen geholfen haben.
Sinnvoller ist es, offen zu fragen, welche Möglichkeiten der Mensch denn selbst für sich sieht, und was ihm bei der Umsetzung derselben im Wege steht.

Opfer haben wenig Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen

Wie in den meisten Fällen von Selbstmitleid stellte es sich auch hier heraus, dass die so genannten Opfer im Leben meist ein Durchsetzungsproblem haben. Sie bieten sich geradezu an, ausgenutzt zu werden.
Viele Frauen kennen diese Problematik nur allzu gut aus eigenem Erleben. Doch wenn man klagt, sind immer nur die anderen schuld, der Chef, der Partner, die Familie oder auch das Leben, das immer wieder Steine in den Weg legt.
Geben wir bei den diversen Problemen nur den anderen die Verantwortung, so akzeptieren wir unsere Machtlosigkeit diesen Situationen gegenüber. Alle Macht scheint bei den anderen zu liegen. Da bleibt nur Aushalten und Ertragen. Statt nun gemeinsam in Selbstmitleid zu versinken, ist es hilfreicher, sich selbst und der guten Freundin zu verdeutlichen, dass jeder, der sich anderen Menschen oder dem Leben gegenüber ausgeliefert fühlt, bald jegliche Eigeninitiative verliert, die Zügel wieder selbst zu ergreifen und sein Leben mutig in die Hand zu nehmen.

In dem Moment der Gemeinschaft, wo man sich gegenseitig etwas vorklagt, wird man sich sicher verstanden fühlen, aber was ist nach dem tröstlichen Gespräch?

Zieht die junge Frau Konsequenzen aus ihrer Erfahrung mit dem Partner oder Kollegen? Weist sie ihn deutlich auf ihre Interessen und Wünsche hin? Egal, ob es sich um unaufmerksame Ehemänner handelt, um unfreundliche Beamte, die herrschsüchtige Schwiegermutter oder um die lieblose Kollegin; wenn ich unter einer Situation leide und mich als Opfer fühle, so ist es doch meine eigene Entscheidung, wie lange ich ein solches Verhalten hinnehmen möchte.
Hier sollte die Freundin nicht nur trösten, sondern zu einem Wechsel des Blickwinkels ermutigen.
Schließlich sind wir nicht auf der Welt, um zu leiden, sondern um an unseren Erfahrungen zu wachsen. Eine wirklich gute Freundin zeigt diese Problematik auf und motiviert, sie zu überwinden.
So schlug ich meiner Klientin vor, ihrer Freundin einige Fragen zu stellen:

  • Wieso geschieht dir das?
  • Was fehlt dir, um das Problem zufriedenstellend für dich zu lösen?
  • Welche Konsequenz willst du aus dieser Erfahrung ziehen?
  • Was wünscht du dir?
  • Was kannst du ändern?

Die Freundin meiner Klientin erkannte in den folgenden Gesprächen ihre eigene Verantwortung in den Situationen, unter denen sie bisher gelitten hatte. Sie ließ sich von allen Menschen in ihrer Umgebung für deren Zwecke ausnutzen.
In Rollenspielen mit meiner Klientin trainierte sie, ihre Bedürfnisse, Interessen und Wünsche zu erkennen und zu formulieren. Auf deren Anregung besuchte sie außerdem zusätzlich einen Kurs an der Volkshochschule, in dem sie lernte, sich besser zu behaupten.
Statt der bisher tröstlichen Pralinenschachteln motivierten nun neue genussvolle Belohnungen die erbrachten Veränderungen.
Und nach kurzer Zeit schon berichtete mir meine junge Klientin, dass ihre Freundin nicht mehr wiederzuerkennen sei.
Zehn Pfund Gewichtsverlust, ein pfiffiger Kurzhaarschnitt und vor allem der wiedergewonnene Humor beeindruckten nun die kritische Schwiegermutter ebenso wie die herrschsüchtige Arbeitskollegin.
Die Zeiten der Opferrolle waren für sie vorbei, und nun gab es auch keinen Anlass mehr zu klagen und zu bedauern.
Wer nicht mehr leiden möchte und lieber dem Leben und schwierigen Zeitgenossen die Stirn bietet, braucht natürlich Mut.
Doch mit dem klärenden Gespräch und der liebevollen Ermunterung einer Freundin sind die Lernschritte leichter zu bewältigen.

Wer also statt des gemeinsamen Schwelgens in Selbstmitleid die kritische Reflektion der Freundin nutzt und wer sich bei ihr Zuspruch, Motivation und Unterstützung holt, gewinnt wieder Einfluss auf sein Leben und hat bald keinen Grund mehr, das Klagelied anzustimmen.

Artikel: Bioline-Magazin (Margot Sistig-Kummer)


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