Mut zu außergewöhnlichen Methoden Mondquelle
Nov 10

„Ich habe große Angst, dass meine Freundin mich verlässt, und ich weiß einfach nicht mehr, was ich jetzt machen soll. Ehe wir vor einem halben Jahr zusammengezogen sind, konnten wir uns beide sehr gut vorstellen, eine Familie zu gründen, aber jetzt habe ich den Eindruck, sie wendet sich immer mehr von mir ab. Sie möchte häufig etwas ohne mich unternehmen und trifft sich z.B. regelmä-ßig mit Freundinnen, um Sport zu machen oder ins Kino zu gehen. Ich weiß nicht, warum sie diese Aktivitäten nicht mit mir macht, sondern andere Menschen vorzieht. Inzwischen überlegt sie sogar, sich wieder eine eigene Wohnung zu nehmen. Vielleicht hat sie aber auch einen neuen Freund. Wenn ich sie diesbezüglich anspreche, meint sie nur, ich lasse ihr keine Luft mehr zum Atmen. Wie kann das nur kommen? Ich glaube inzwischen, dass sie gar nicht zu einer festen Bindung fähig ist. Wie konnte ich mich nur so in ihr täuschen? Bei ihr dachte ich wirklich, dass sie die Richtige sei. Lernt man einen Menschen eigentlich erst wirklich kennen, wenn man mit ihm zusammenlebt?“


Der junge Mann suchte auf Anraten eines befreundeten Arbeitskollegen meine Praxis auf. Wie sich im weiteren Gespräch heraus-stellte, hatte er in seinen bisherigen Partnerschaften jedes Mal eine ähnliche Problematik erlebt und er wollte nun endlich den Grün-den auf die Spur kommen.

Woran lag es, dass seine Beziehungen bisher nicht glücklich verliefen? Suchte er sich immer die falsche Frau zur Freundin, oder lag die Ursache bei ihm selbst?

Als ich ihn bat, mir seine Vorstellungen von Partnerschaft einmal auszumalen, stellte sich schnell heraus, dass er hoffte, endlich die Gemeinsamkeit zu leben, von der er immer geträumt hatte. Zusammen den Alltag planen und leben, vom Haushalt bis zur Freizeit-beschäftigung sollte alles Hand in Hand erfolgen.
Jede seiner Freundinnen hatte er bisher beeindruckt, weil er sich im Haushalt genauso anstellig zeigte wie in den so genannten Männerbereichen. Denn als Chemielaborant in einer großen Firma entspannte er sich abends am besten, indem er für seine Freundin und sich kulinarische Köstlichkeiten zauberte.
Auch sein Freizeitplan stand im Grunde für das komplette Jahr schon fest. An den Wochenenden wollte er mit seiner Freundin Fahrradtouren in der Umgebung machen, Museumsbesuche und Fahrten zu den Musicaltheatern Deutschlands genießen und als Clou sollte es einen Kurztrip nach Paris geben. Die Ferien wollte er gemeinsam mit ihr auf einer schönen Insel im Süden verbrin-gen.

Alle Bekannten und Kolleginnen bescheinigten ihm, dass er im Vergleich zu den meisten Ehemännern ein wahrer Schatz sei und trotz allem wollte keine Freundin bei ihm bleiben

Da er von vielen Menschen als die optimale Besetzung für die Rolle eines liebenden Ehemannes gesehen wurde, konnte mein junger Klient nur schwer verstehen, dass genau diese Vorstellungen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Ursache dieser unglücklichen Ent-wicklung seiner zwischenmenschlichen Beziehungen waren.

Kann man zu viel Nähe und Zuwendung geben?

Dieser junge Mann ist kein Einzelfall. Immer wieder klagen Menschen in meiner Praxis über ähnliche soziale Erfahrungen.
Liebevolles Umsorgen von Freunden oder Kollegen schafft nicht zwangsläufig die gewünschte Vertrautheit und Nähe.
Wer sich Tag und Nacht für Trost, Rat und Unterstützung zur Verfügung stellt, wird nicht unbedingt stets willkommen geheißen.

Denn für viele Menschen ist es schwierig, das rechte Maß von Distanz und Nähe zu finden

Die Erfahrung, dass man trotz beständigen Einsatzes nicht dazugehört, dem anderen nicht wirklich unentbehrlich ist, scheint vielen Menschen besonders schmerzlich zu sein.
Denn genau dieses Gefühl der Zugehörigkeit ist es doch, das uns vor der Einsamkeit des Lebens behütet. Es gibt uns die Möglich-keit, dem Wechsel von Alleinsein und Gemeinschaft rückhaltlos zu vertrauen.
Doch wie gelingt es, dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit zu gewinnen, wo doch heutzutage viele Soziologen unsere Gesell-schaft als einen losen Verbund beziehungsloser Individualisten sehen und die Isolation immer stärker um sich greift?
Betrachten wir die Sehnsucht nach Verbundenheit und Nähe unter psychologischer Sicht genauer, sehen wir auf der anderen Seite dieser Medaille Trennung, Einsamkeit und Verlust. Viele Menschen erleben diese Gegensätze im sozialen Miteinander einerseits in der Isolation, die uns zu übergroßer Sehnsucht nach Nähe treibt, und auf der anderen Seite in der erstickenden Enge einer unglückli-chen Familienkonstellation, die uns für den Rest unseres Lebens Distanz zu den Menschen unserer Umgebung aufzwingt.
Beides macht ein gesundes Miteinander unmöglich.
Denn beide Erfahrungen führen zu einschränkenden Mustern, die uns an unserer weiteren Entwicklung hindern und befriedigende Sozialkontakte erschweren.
Genau diese Erfahrungen sind es, die sich wie ein roter Faden durch das Leben vieler Menschen ziehen. Die Angst, dies erneut zu erleben, hindert sie nun in der Folge an einer zufrieden stellenden Form sozialer Kontakte.


Wer den wichtigen Respekt, und dazu gehört auch ein wenig Distanz, vor dem anderen nicht einhält, macht bittere Erfah-rungen in seinen Beziehungen

Aus lauter Angst vor erneutem Verlassenwerden versuchen viele Menschen, den anderen fest an sich zu binden. Aber wer sein Gegenüber in einen Käfig sperrt, und sei er noch so schön und gemütlich ausgepolstert und mit Stäben aus reinem Gold versehen, weckt in diesem den starken Wunsch nach Freiheit.
Und so droht jedes Mal aufs Neue Verlust und Trennung.
Wer, wie mein Klient, den Teufelskreis alter Erfahrungen durchbrechen will, braucht die Bereitschaft, sich diesen alten Ängsten bewusst zu stellen. Als erster Schritt ist es wichtig, die Angst bei dem vertrauten Menschen anzusprechen, um im zweiten Schritt sich auf die ehemals beängstigenden Situationen einzulassen und neue Erfahrungen zu machen.
Wenn wir bereit sind, unser Erleben neu zu interpretieren, erfahren wir, dass die alten Ängste in der derzeitigen Partner- oder Freundschaftsbeziehung nicht nötig sind.
Wenn mein Gegenüber Zeit für sich oder seine anderen Freunde wünscht, bedeutet das natürlich nicht gleichzeitig, dass ich von ihm verlassen werde. So musste der junge Mann verstehen lernen, dass seine Freundin ihre Freundschaften nicht deshalb pflegte, weil ihr die Beziehung zu ihm nicht mehr wichtig war.
Wenn wir uns mit dem neuen Wissen auf diese Erfahrungen einstellen, lernen wir mit der Zeit, die Trennung und das Verlustgefühl zu ertragen, ohne dass uns gleichzeitig das Gefühl der Verbundenheit und Zusammengehörigkeit abhanden kommt. Dann können wir beruhigt dem anderen den nötigen Freiraum geben, den jeder Mensch innerhalb von Partnerschaft, Familie, Freundschaft oder auch im beruflichen Bereich braucht.

Denn nur wer genügend Freiraum für sich selbst hat, kann Nähe genießen

Menschen, die mit diesem Themenbereich meine Praxis aufsuchen, müssen akzeptieren lernen, dass ihr Gegenüber neben dem gemeinsamen Leben Zeiten des Rückzugs für sich braucht, wo er alleine in seinem eigenen Rhythmus den Alltag gestaltet.
Auch wenn man in Partnerschaft, Familie und Freundschaft verbunden ist, so hat doch jeder Mensch eigene Interessen.
Wenn wir in unseren Beziehungen Gelegenheit für eigene Belange erhalten, bereichern wir durch die Anregungen, die wir durch Menschen und Dinge außerhalb des gemeinsamen Lebens erfahren, das darauf folgende Miteinander.
Immer wieder höre ich von inzwischen glücklichen Paaren, dass beide Parteien, seitdem sie sich gegenseitig diese Freiräume lassen, einen viel intensiveren Austausch miteinander haben. Und wenn wir einen gesunden Rhythmus von Distanz und Nähe entwickeln, stellen wir fest, dass es erst dadurch möglich ist, Gemeinsamkeit und Nähe bewusst zu er – leben und wirklich zu genießen.
Nach klärenden Gesprächen mit seiner Freundin, die ihm genau diese Dinge bestätigte, war mein junger Klient bereit, sich auf das, nach seinen Worten größte Experiment seines Lebens, einzulassen.

Um die inzwischen gewonnene Erkenntnis in das alltägliche Erleben umzusetzen, sind neue Verhaltensregeln nötig

Dazu aber müssen wir bereit sein, in den tatsächlichen Situationen des Alltags uns auf ein neues Erleben und Tun einzulassen. Wir müssen dafür herausfinden, wann das alte angstbesetzte Verhalten wieder automatisch einsetzt und es mit aller Konsequenz stoppen, um dem neuen, vertrauensvollen Verhalten Gelegenheit zu geben, in uns zu wachsen.
Ein besonders schwieriges Beispiel für sein neues Trainingsprogramm war für den jungen Mann das regelmäßige Telefonat mit seiner Partnerin.
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„Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, sie täglich im Büro anzurufen. Anfangs war das sicherlich noch aus der Verliebtheit zu erklären. Aber inzwischen merke ich selbst, dass meine Freundin diese Telefonate nicht mehr schätzt, sondern teils sogar als Kon-trolle empfindet. Dennoch greife ich automatisch zum Telefonhörer und habe die Nummer schon gewählt, ehe ich richtig nachge-dacht habe. Obwohl ich es inzwischen nach den Gesprächen bei Ihnen wirklich besser weiß, kann ich dieses Verhalten nur schwer abstellen, sondern fühle jedes Mal einen starken inneren Impuls, unbedingt jetzt mit ihr sprechen zu wollen.“

In den nun gemeinsam erstellten neuen Regeln für ein glückliches Zusammenleben durfte nur noch einmal wöchentlich ein Telefo-nat auf der Arbeitsstelle erfolgen. Weil der junge Mann in dem Wechsel von Alleinsein und Gemeinsamkeit für den Anfang noch Stabilität brauchte, wurde auch die Zeit der Außenkontakte festgelegt. So sollte zwei- bis dreimal in der Woche Zeit für persönli-chen Freiraum und Freundeskontakte zur Verfügung stehen. Einmal wöchentlich wurde zusätzlich zur alltäglichen gemeinsamen Abendgestaltung ein fester Termin für eine ganz bewusst gemeinschaftliche Freizeitaktion des Paares wie Kinobesuch oder ein gemütliches Abendessen im Restaurant angesetzt.
Bald schon zeigten die Gespräche und das daraufhin geänderte Verhalten ihre Wirkung, und so mag es niemanden wundern, dass inzwischen ein Termin zur Hochzeit angesetzt ist.

Wer sich, wie dieser junge Mann, auf den Wechsel von Verbundenheit und Freiheit und die nötigen Regeln für glückliche soziale Kontakte einlässt, wird spüren, wie die alten Ängste immer kleiner werden und sich ein gesundes Zusammenspiel von Respekt und Nähe in allen Beziehungen ergibt

Artikel: Bioline-Magazin (Margot Sistig-Kummer)


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