Kann man Jugend kaufen? Streiten will gelernt sein
Feb 24

„Eigentlich bin ich es, die immer ruhig bleibt, wenn wir Probleme haben, aber neulich habe ich meinen Mann richtig angeschrieen. Ich war so erschrocken, als ich mich dabei im Flurspiegel sah, genau wie meine Mutter. Und so eine Megäre hatte ich doch nie werden wollen.
Ich versuche wirklich, nicht zu streiten, aber in letzter Zeit läuft es einfach  aus dem Ruder und wir kommen nicht mehr miteinander klar. Früher, als wir uns kennen lernten, habe ich mit Pitt manchmal die halbe Nacht telefoniert. Wir konnten über alles reden und jetzt überhaupt nicht mehr.“


Hanna, eine 36-jährige Kinderkrankenschwester, kam mit ihrem Problem zur Beratung, weil sie ihren Mann nicht verlieren, aber die Ehe so auch nicht fortsetzen wollte.
Anfangs war der häufigste Streitpunkt die Hausarbeit, aber mittlerweile waren sie bei fast allem unterschiedlicher Meinung.
Hanna, die Situationen vermeiden wollte, die sie aus ihrer Kindheit kannte, versuchte Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen und die Harmonie aufrecht zu erhalten. Allerdings nörgelte sie ständig an ihrem Mann herum und manchmal kam es auch zu richtigen Wutausbrüchen, nach denen er sich geschockt in sein Tonstudio verzog, während sie tränenüberströmt, den Kühlschrank plünderte.
Warum geraten zwei Menschen, die sich offensichtlich lieben, wegen Nichtigkeiten so aneinander und können sich so schwer verständigen? Die Auslöser sind selten der wirkliche Grund, sondern eher die tiefer liegenden Ursachen.

Unterschiedliche Erfahrungen in der Konfliktbewältigung
Besonders die Verhaltensmuster in der Familie sind dabei prägend. Während Hanna, genauso, wie ihr Vater, nur etwas Ruhe hatte, wenn sie der ständig keifenden Mutter nicht widersprach, war ihr Mann daran gewöhnt, sich bei seiner alleinerziehenden Mutter durchzusetzen. Hannas Schweigen bei einem Vorschlag oder auch einem Vorwurf, hielt er deshalb für stillschweigende Zustimmung.
Während sie sich bemühte, ihren wachsenden Frust unter Kontrolle zu halten, glaubte er, alles sei in Ordnung. Wenn dann die Dämme brachen und sich alles auf einmal über ihn ergoss, war er die gekränkte Unschuld.

Fehlende Streitkultur
Streit ist etwas völlig Normales und gehört zum täglichen Leben. Aber wer bedenkt das schon am Anfang, wenn man frisch verliebt und glücklich ist.

Deshalb haben die wenigsten Paare Regeln, mit denen Auseinandersetzungen sachlich, möglichst ruhig und vor allem gewaltlos verlaufen

Aber genau so etwas wird gebraucht, wenn unterschiedliche Meinungen und Wünsche aufeinanderprallen. Gerade dann muss es zum Beispiel machbar sein, dass jeder seine Anliegen und Argumente nennen kann und der andere ihn aussprechen lässt bzw. umgekehrt.
Es muss auch möglich sein, sich über ein Problem zu verständigen, ohne dass das gesamte Vokabular des Tierreiches oder Schlimmeres benutzt wird.
Und es muss auch möglich sein, eine Aussprache abzubrechen, falls sich die Atmosphäre zu sehr erhitzt.
Wenn dafür ein Codewort vereinbart wurde, fühlt sich der Zurückgebliebene nicht unbedingt wie der Klops der Woche.


Unterschiedliche Wahrnehmungs- und Kommunikationstypen
Menschen kommunizieren glücklicherweise sehr unterschiedlich, sonst würde es langweilig. Wie sie das tun, hängt auch davon ab, welche Sinneskanäle bei der Wahrnehmung vorrangig sind, die visuellen (bildhaft), auditiven (über Gehör), kinästhetischen (über Gebärden) oder andere. Wenn man nicht weiß, wie der Gesprächspartner wahrnimmt und kommuniziert, kann das zusätzlichen Zündstoff in eine Auseinandersetzung und viel Raum für Missverständnisse bringen.
Hanna ist ein visueller Typ. Sie erlebt die Welt über ihre Augen und nimmt intensiver wahr, was ihr Partner sagt, wenn sie Blickkontakt halten und sein Gesicht sehen kann.
Pitt dagegen ist ein auditiver Typ, er nimmt die Außenwelt in erster Linie über das Gehör wahr. Deshalb war es für ihn wunderbar, als sie in der ersten Zeit endlose Telefongespräche führten. Aber er reagiert empfindlich, wenn sie am Küchentisch ihm gegenüber Platz nimmt und eine Aussprache ankündigt.
Wenn er dann, um sich besser auf das Gehörte konzentrieren zu können, zur Seite schaut, wirft ihm Hanna vor: „Du nimmst mich nicht ernst!“
Er wiederum beschwert sich: „Du hörst mir nicht zu!“, wenn sie bei einer Diskussion aufsteht, zerknautschte Kissen aufschüttelt oder eine offene Schublade schließt, damit alles hübsch und ordentlich aussieht.

Die Lebensphase, in der eine Beziehung beginnt
Nach dem überlieferten, kosmischen Beziehungskalender befinden sich beide in der Marsphase. Die umfasst die Lebenszeit, in der man sein Revier absteckt, in der man mit anderen konkurriert und lernt, sich zu behaupten.

Beginnt eine Beziehung in diesem Alter, 35 bis 42Jahre, dann prallen oft zwei Wesen aufeinander, von denen jeder der Platzhirsch sein will

Soll die Beziehung gut und dauerhaft sein, müssen die persönlichen Freiräume und Bedürfnisse des Partners mehr toleriert und berücksichtigt werden als sonst. Das setzt enorm viel Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten voraus.

Artikel: Bioline-Magazin (Elfi Sinn)


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