Streiten will gelernt sein Schwarzwälder-Kirsch-Blech
Mrz 16

Wie Schicksalsschläge uns lehren können, glücklich zu sein
Bis vor einem Jahr war mein Leben noch in Ordnung. Ich hatte einen schönen Beruf, eine gute Beziehung, war gesund und munter; alles schien sich recht gut zu entwickeln. Und dann wurde mein Lebensplan in kleine Fetzen zerrissen, nun sitze ich davor und weiß nicht, wie ich dieses Puzzle wieder zusammenfügen soll. Jeden Morgen wache ich auf und hoffe, dass alles nur ein böser Traum war und dass dieser Spuk sein Ende hat.


Die junge Frau in meiner Praxis schien allen Grund zur Verzweiflung zu haben. Vor einem Jahr hatte sie ihre Anstellung als Optikerin verloren, als der kleine Fachbetrieb wegen eines benachbarten Optikriesen in Konkurs ging. Trotz vieler Bemühungen fand sie keine neue Arbeitsstelle.
In der Folge stellte sich dann heraus, dass ihre Partnerbeziehung leider nicht tragfähig genug war, diese Krise durchzustehen. Ihr Lebenspartner verstand ihre wachsende Verzweiflung nicht und warum sie sich immer mehr hängen ließ und nichts mehr unternahm, um eine neue Stelle zu erhalten.
Als die junge Frau immer depressiver wurde und die Beziehung dadurch sehr belastete, trennte er sich schließlich von ihr.
Vor zwei Monaten hatte sich bei einer ärztlichen Untersuchung ein bösartiges Geschwulst in der Brust herausgestellt. Da es an entscheidender Stelle lag, musste sofort operiert und die Brust dabei mit entfernt werden.
Ein Schicksalsschlag schien den nächsten zu jagen und die 28-Jährige kam aus dem Stimmungstief ohne professionelle Hilfe nicht mehr heraus.
Demzufolge riet ihr der behandelnde Arzt zu einer Psychotherapie.

Ich verstehe nicht, warum ausgerechnet mir dies alles passiert. Ich habe doch immer alles getan, was von mir erwartet wurde. Und deshalb dachte ich, dass alles so weiter gehen könne wie bisher; dass ich bis zur Rente in meinem kleinen Betrieb arbeiten könnte, meinen Freund irgendwann heiraten würde und Kinder bekäme und alles nähme einfach seinen normalen Lauf. Aber die Ereignisse des letzten Jahres haben alle meine Lebenspläne umgeworfen. Ich habe doch gar nichts getan, womit ich dieses Unglück verdient habe. Das Leben ist einfach ungerecht.

Ja, leider bietet das Leben keine Payback-Karte, auf der uns bei lobenswertem Verhalten Punkte gutgeschrieben werden, die wir dann einlösen oder abfordern können.

Denn auch wenn diese junge Frau  immer brav und fleißig war und als Schülerin, Auszubildende und Angestellte stets alle Lehrer und Vorgesetzten zufriedengestellt hatte, so kann daraus kein Anspruch auf ein glückliches und zufriedenes Leben abgeleitet werden.
Und auch ihr Engagement in der Beziehung zu ihrem Freund gewährleistet kein Recht auf lebenslange Gemeinsamkeit. Diese Dinge existierten nur in ihrer Vorstellung. Aber nun war es nur allzu deutlich, dass nichts davon sich mit ihrem derzeitigen Leben deckte.
Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir immer wieder Bilder, wie unser Leben sein sollte und diese prägen in Folge unsere Wirklichkeit.

Was aber ist zu tun, wenn dieses alte Bild nicht mehr passt?
Als erstes müssen wir erkennen, dass unsere Vorlage geprägt ist von unserer inneren Einstellung, unserer bisherigen Art die Dinge zu sehen. Wenn wir begreifen, dass uns diese Sichtweise nicht mehr weiter hilft, so ist es notwendig, uns neuen Blickwinkeln zu öffnen. Mit deren Hilfe entdecken wir dann in den belastenden Lebenssituationen neue, gute Momente, die wir im letzten Schritt dann nur noch richtig zusammenfügen müssen, um dadurch unser Lebenspuzzle neu zu ordnen.
Da es den meisten meiner Klienten in solchen Lebenssituationen nur schwer gelingt, sich von ihrer alten Sichtweise zu lösen, erzähle ich ihnen gerne eine kleine Urlaubsgeschichte, die den Wechsel zu neuen Blickwinkeln verdeutlicht:

Als ich in einem Winterurlaub nach Süddeutschland fahren wollte, hatte mir eine Freundin von einem wunderschönen Fleckchen Erde dort erzählt, das von ganz außergewöhnlicher Schönheit sein sollte. In meinem Kopf entstand sofort ein Bild von diesem ganz besonderen Ort, so dass ich es gar nicht abwarten konnte, ihn zu sehen.
Aber als ich dort ankam, war nichts so wie ich es mir ausgemalt hatte. Ich lief die Wege entlang und suchte nach meinem Bild, das mich hierhin geführt hatte. Als ich es nicht fand, beschloss ich enttäuscht wieder ins Hotel zu fahren.
Da mich die Wanderung ermüdet hatte, setzte ich mich auf der Hälfte des Weges auf eine Bank und ruhte kurz aus. Mein Kopf war inzwischen frei von meinen eigenen Vorstellungen und plötzlich konnte ich die Landschaft offen betrachten. Die schneebedeckten Bäume, die Felder und Wege ohne jede Fußspur, die kahlen Bergriesen vor dem klaren Himmel wurden zur unverfälschten puren Natur, die nicht durch kultivierende Menschenhände gestört wurde.

Und erst in diesem Moment begann der ganz besondere Zauber dieses Fleckchens Erde zu wirken und schenkte mir ein tiefes Glücksgefühl

Immer, wenn wir uns wirklich öffnen, kann solch ein kleines Wunder geschehen. Und auch im alltäglichen Leben ist dies möglich. Denn wenn wir etwas unvoreingenommen betrachten, ergibt sich oft ein anderes, möglicherweise positives Bild.
Als die junge Frau in meine Behandlung kam, ging sie mit einem festen Bild durch die Landschaft ihres Lebens. Mit dieser Erwartung war sie natürlich niedergeschlagen, weil alles anders kam als ursprünglich geplant. Ziel der Gespräche in meiner Praxis war es nun, sie wieder zu öffnen und mit ihr einen unverstellten Blick auf ihr Leben zu richten und auf die Situation, unter der sie litt, die ihr alle Kraft nahm und das alte Denken erschütterte, damit sich ein Einblick in bisher ungeahnte Möglichkeiten bieten konnte.
Lassen wir uns unbelastet darauf ein, so erkennen wir in diesem Prozess, welche Reifungsschritte hier auf uns warten. Und dann heißt es, diesen neuen Weg zu gehen und das zu lernen, was nun ansteht.
In den folgenden Gesprächen erkannte meine Klientin über sich, dass sie immer brav getan hatte, was alle Menschen von ihr erwarteten: Bei der Berufswahl hatte sie entgegen ihres Wunsches auf die Erfahrungen ihrer Eltern gehört.
Auch im privaten Leben hatte sie nach einem ersten stürmischen Abenteuer in der Liebe alles nach den üblichen Vorstellungen eines Frauenlebens geordnet und eine ruhige und stabile Beziehung zu einem Kollegen ihrer besten Freundin aufgebaut. Das war zwar nicht die große Liebe, sondern eine eher gute Zweckgemeinschaft, in der es keine Hochs und Tiefs gab, sondern ein friedliches Plätschern in ruhigen Bahnen. Ein sicherer Hafen ohne Stürme aber auch ohne tiefe Nähe. Da meine Klientin vorher eine große Enttäuschung erlebt hatte, schien ihr dies eher eine sichere Zukunft zu versprechen als die Erfüllung ihrer eigenen Sehnsüchte und Wünsche.
Im therapeutischen Gespräch wurde der jungen Frau bewusst, dass sie alles getan hatte, um die beängstigenden Klippen des Lebens zu umschiffen und es in all den Jahren vermieden hatte, sich zu fragen, was sie selbst denn eigentlich wünschte.


Ich hatte einfach Angst enttäuscht zu werden. Wie sollte ich damit umgehen, wenn das Leben mir diese Wünsche und Träume nicht erfüllt. Deshalb hatte ich nicht den Mut, das Risiko einzugehen, eine Entscheidung aus eigener Verantwortung zu treffen und letztendlich die Konsequenzen daraus zu tragen. Wenn meine Entscheidung falsch gewesen wäre, wäre ich selbst schuld gewesen. So konnte ich immer noch sagen, es sind die Umstände, man muss sich halt dem Leben fügen. Als Jugendliche fand ich es normal,  bei der Berufsentscheidung der Lebenserfahrung meiner Eltern zu vertrauen.
Und spätestens als ich in dieser ersten Liebesbeziehung so verletzt wurde, war mir klar, dass es ein enormes Risiko bedeutet, sich voll und ganz auf das Leben einzulassen. Man kann entsetzlich enttäuscht werden.
Solche Dinge drohten mir nun nicht mehr. Der geregelte Beruf in einem angenehmen Umfeld, die stabile und sichere Beziehung zu meinem Freund, alles schien fest und unzerstörbar, weil es dort kein Gefühlschaos gab. Ich habe einfach gedacht, da kann mir nichts passieren, das ist ohne jedes Risiko. Das Leben schien mir berechenbar.
Im Grunde glaubte ich zu wissen, wie wohl alles weitergehen könnte, beruflich und auch privat. Ich wusste, dass ich damit nicht richtig glücklich war, aber ich war zufrieden mit diesem ruhigen Leben.

Immer deutlicher wurde der jungen Frau, dass die Angst vor Eigenverantwortung sich groß und mächtig ihren tatsächlichen Lebenswünschen in den Weg gestellt hatte.
Unter diesem Blickwinkel erkannte sie, dass die Schicksalsschläge, die ihr Leben so dramatisch verändert hatten, ihr nun eine neue Chance ermöglichten, ihr Leben eigenverantwortlicher zu leben und damit glücklicher zu gestalten.

Und so wollte sie sich nun auf die Suche nach ihren Träumen machen, um zu erkennen, wer sie wirklich ist und was sie wirklich möchte

Ich bat sie also, ihre Phantasie auf die Reise gehen zu lassen und einmal neu zu forschen, was sie im beruflichen Bereich ausfüllen und glücklich machen könne.
Was tatsächlich weiterführte, war ein echter Traum. Denn im Laufe der Therapie hatte sich auf bemerkenswerte Art und Weise auch das Traumerleben meiner Patientin verändert. So litt die junge Frau nach kurzer Behandlung nicht mehr an quälenden Angstträumen, sondern hatte in mehreren aufeinanderfolgenden Nächten Träume über bunte kleine Spielzeuggegenstände, die fröhlich durcheinander purzelten. Als sie in der kommenden Woche einen Anschlag am Arbeitsamt las, dass eine Ausbildung zur Ergotherapeutin gefördert wurde, sah sie sofort die Parallele und ihre Entscheidung war klar.

In diesem Beruf finde ich alles, was ich mir immer gewünscht habe. Ich werde mit Menschen arbeiten, die aufgrund einer Behinderung oder motorischen Einschränkung Unterstützung brauchen. Und egal, ob ich mit Kindern arbeite oder mit Erwachsenen, die nach schweren Verletzungen oder Unfällen diese Therapie brauchen, ich glaube, dass ich, weil ich aus meiner eigenen Lebenskrise viel gelernt habe, meinen Patienten bei der Überwindung ihrer Krisen eine gute Unterstützung bieten kann.

Mit dieser Entscheidung wendete sich das Schicksal wieder zum Guten. Trotz der anstrengenden Ausbildung war meine Klientin mehr als zufrieden, da ihr das Lernen Freude machte und sie auf dem besten Wege war, ihren Lebenstraum zu erfüllen.
Und durch das steigende Selbstwertgefühl entstand bald ein neues gesundes Körperbewusstsein, sich wieder als eine junge attraktive Frau zu fühlen. Sie verabredete sich wieder zum Ausgehen und konnte sich auch eine neue Liebe inzwischen vorstellen.
Am Beispiel dieser jungen Frau wird deutlich: wer Schicksalsschläge als Chance begreift, sein Leben unter neuen Blickwinkeln zu betrachten, gewinnt bald wieder Lebensqualität. Wer wie meine Klientin versteht, dass Schicksalsschläge eine Aufforderung des Lebens bedeuten können, die eigenen Vorstellungen neu zu ordnen, wird sich den anstehenden Reifungsschritten gerne stellen.

Trennt man sich dann von den alten Glaubensmustern, die der Entwicklung im Wege stehen, so lernt man, wie die junge Frau in meiner Therapie, sein Lebenspuzzle neu zusammen zu fügen. Und dann hält das Glück bald wieder Einzug im Leben.

Artikel: Bioline-Magazin (Margot Sistig-Kummer)


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