Tofu-Kürbisbratlinge Salbei (Salvia officinalis)
Jan 26

Ich habe mehr als 30 Jahre lang getrunken; der Alkohol war ein Teil meines Lebens, schließlich beherrschte er es. Er begleitete mich - das war der Anfang - , wenn ich unter Menschen ging. Ich hatte bemerkt, daß er mir die Scheu nahm, ich wurde eine gesellige und interessante Gesprächspartnerin - bis zu einem gewissen Punkt. Ich trank, wenn es mir gut ging und ich trank, wenn es mir schlecht ging. Irgendwann hatte ich das Gefühl, daß mein Trinken nicht mehr „normal“ war. Warum konnte ich nach dem zweiten oder dritten Glas nicht aufhören - wie andere auch? Warum konnte ich nicht einfach nach Hause gehen, mich ins Bett legen? Warum mußte ich weitermachen, oft bis zur Bewußtlosigkeit, bis zum „black out“? Ich wollte mein Trinken verstehen und schrieb darüber unter anderem:

„Selbst wenn sie, inzwischen, schon einen Horror vor der kommenden Sauferei hat, vor der Unwägbarkeit ihrer Reaktionen, vor dem, was geschehen kann, wenn ihr alles entglitten und verdunkelt ist - der Augenblick steht dann wieder ganz für sich, jetzt ist jetzt, jetzt muß Bier getrunken werden, komme was wolle, der kommende Tag und die Depressionen sind schnell eingeplant. Der erste und schwierigste Aufwand nach einer durchsoffenen Nacht besteht für sie darin, aufzustehen, den widerlichen Geschmack im Mund loszuwerden, den Nachdurst zu stillen und einen einigermaßen klaren Kopf zu kriegen. Dann kommt die äussere Pflege. Dies beides, innere und äussere Wiederherstellung, beanspruchen einen ganzen Tag.
Einen Schritt vor, zwei Schritte zurück. Trinker sind konservativ, beharrend, müssen es sein, was auch immer sie von sich geben an vielleicht Neuem, an verrückten Ideen, die nie zuvor gedacht wurden, von denen sie selbst auch gerade überrascht sind, und die sie am nächsten Morgen längst vergessen haben. Die meiste Zeit ihres Lebens verbringen sie mit dem Trinken und ihrem Wiederaufbau. Und einer beharrlichen Sehnsucht. An nichts haben sie genug, und sie sind in ihrem Sehnen irgendwann nur einer Möglichkeit der Suche verfallen, sie sind süchtig geworden und haben - vielleicht - vergessen, daß sie sich sehnen. Denn auch das Trinken wird irgendwann einmal zum banalen Alltag.“

Ich schrieb den Text und trank noch weitere 15 Jahre. Es blieb nicht beim Bier. Es schmeckte mir nur noch, wenn ich dazu einen Schnaps trank. Dann schmeckte mir nur noch der Schnaps, Korn oder Klarer, oder Wodka mit Orangensaft. Irgendwann ging ich kaum mehr aus dem Haus. Zum Trinken brauchte ich keinen Anlaß mehr, und ich war auch zu schwach, um noch irgendwohin zu gehen. Ich sah, was mit mir geschah, und konnte nichts dagegen tun. Um mein Zittern zu überwinden, brauchte ich einen Schnaps, dann war die Flasche leer. Schließlich war ich so schwach und willenlos, daß ich mich widerstandslos in eine Klinik bringen ließ. Ich durchlitt zwei grauenvolle Nächte und Tage. Aufgrund einer alkoholbedingten Nervenentzündung in den Beinen konnte ich nicht mehr laufen. Tagelang saß ich im Rollstuhl. Ich bekam Angst. In meinem Kopf ging ein Schalter an (oder aus?). Noch während des Entzugs im Krankenhaus entschied ich mich für eine Langzeittherapie. Nach dem Krankenhausaufenthalt mußte ich bis zum Beginn der Therapie sechs Wochen zu Hause verbringen. Ich wußte, daß ich nicht trinken würde, aber ich war beklommen. Wie würde ich es in meiner gewohnten Umgebung aushalten - ohne Alkohol? Es war leichter als ich dachte. Mein Kopf hielt stand.

Vor einem Jahr kam ich aus der Suchtklinik, seitdem habe ich keinen Alkohol mehr angerührt. Ein körperliches Verlangen habe ich nicht verspürt, aber unter Menschen, vor allem, wenn sie tranken, mußte ich mich umorientieren. Isolieren wollte ich mich nicht, und ich habe mich nicht isoliert. Ich beobachte jetzt mehr, bin aber nicht verstummt. Mit der trunkenen „Gemütlichkeit“ ist es vorbei, aber auch mit dem Leiden.

Ich habe für mich ein Bild gefunden: Mit dem Trinken ist dem Alkoholiker im Laufe der Jahre ein drittes Bein gewachsen, es gehört zu ihm. Wenn das Bein amputiert werden muß, weil der Brand in ihm ist, muß er lernen, wieder auf zwei Beinen zu stehen - für den Nichtalkoholiker eine Selbstverständlichkeit. Manchmal, vor allem beim Zusammensein mit anderen, habe ich so etwas wie einen „Phantomschmerz“ - aber der geht vorbei.

Der Therapeut in der Klinik schlug uns vor, einen Brief an den Alkohol zu schreiben. Ich fand das erst einmal albern, dann habe ich den Brief geschrieben:

Sehr geehrter Alkohol,
ja, Sie haben richtig gehört, ich sieze Sie von nun an. Weshalb „geehrter“? Nun, Sie haben mir gewisse Dienste erwiesen, die ich durchaus zu schätzen wußte. Sie haben mein Gemüt gestreichelt, meinem Ego geschmeichelt - dann aber das Gemüt durchdrungen und den Körper krank gemacht. Sie wissen das, wollen Sie es noch einmal hören? Vielleicht nicht, aber Sie müssen und ich muß es auch. Verschlagen wie Mephisto waren Sie an meiner Seite, erst nur manchmal, dann immer öfter. Dann hockten Sie auf mir, schließlich machten Sie es sich in mir bequem, ständig. Ich konnte nicht mehr vor Ihnen davonlaufen, konnte Sie nicht abschütteln, nicht aus mir herausreißen. Hilfe von außen brauchte ich zu meiner Befreiung.
Wie gesagt, zunächst haben Sie mir allerlei geboten; all Ihre Verführungskünste haben Sie eingesetzt, um mir das Leben kurzweilig immer wieder zu verschönen und Sie unentbehrlich zu machen. Sie haben mich zum Lachen gebracht, zum Tanzen, zum Schwatzen - dazu, daß ich mir und daß mir die anderen unwiderstehlich erschienen. Sie haben meine Zeit verkürzt und allem die Bedeutung gegeben, die ich ohne Sie mühsam und traurig, auch verzweifelt, suchte. Sie haben mir breiteren Zugang zu den anderen verschafft, bis nur noch Sie mich in Beschlag genommen hatten, total, mit Haut und Haaren. Sie haben mir meine Würde geraubt, mich vor meiner Umwelt bloßgestellt. Wollten Sie mich verlassen oder wollte ich Sie hinauswerfen, flehte mein Körper Sie an zu bleiben, hat Sie zitternd festgehalten, bis Sie wieder zufrieden grinsend in mir saßen. Versicherte ich mir, daß ich nur noch ein wenig von Ihnen wollte, um mich dann langsam von Ihnen zu lösen, nickten Sie wissend und gaben mir, was ich brauchte, gaben mir mehr als ich wollte und ich liebkoste Sie. - Und das soll alles gewesen sein? Nein

Artikel: Bioline-Magazin (Gabriele Schmelz)


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